Berlin - Peter Müller hat für das Gespräch in seinem Wohnzimmer Plätzchen auf den  Tisch gestellt. Weihnachten steht ja bevor und damit das Weihnachtssingen des 1. FC Union. Seit 2004 liest er dabei die Weihnachtsgeschichte.  Und seither hat er in der Alten Försterei schon manch interessante Begegnung gehabt.

Herr Müller, wäre Jesus gern ins Fußballstadion gegangen?

Ich denke, dass er sich als Kind in unserer Jugendmannschaft angemeldet hätte. Aber nur bei Union.

Weshalb nur bei Union?

Weil es ein Verein ist, der noch mit beiden Füßen auf der Erde steht. Ein Verein, der keine Fans hat, sondern eine große Familie ist, für die er sich verantwortlich weiß, wie wohl kaum ein anderer.

Ist es nicht erstaunlich, dass sich ein Verein, der im Osten verankert ist, wo Religion lange nicht zur Ideologie gehörte, Sie anspricht, weil er von Ihnen die Weihnachtsgeschichte hören will?

Ja, für mich ist es noch mehr als erstaunlich. Ich kann das, was sich dann entwickelt hat, mit dem Wort Wunder bezeichnen.

Dann sind Sie eine Art Missionar?

Ich habe in den zwölf Jahren noch von keinem gehört, der einen Antrag auf Annahme in die Kirche gestellt hat. Das war auch nie meine Absicht. Ich habe es bis in Formulierungen hinein bewusst vermieden, missionarisch wirken zu wollen. Weil ich das für unfair denjenigen gegenüber halten würde, die mich eingeladen haben. Denn die wollten die Weihnachtsgeschichte hören und nicht bekehrt werden. Zum anderen habe ich Gott vertraut, dass er das daraus macht, was ihm gefällt.

Geht von der Weihnachtsgeschichte per se eine große Kraft aus?

Sowohl in Internetforen von Union als auch in einer Menge persönlicher Gespräche habe ich ein zweigeteiltes Echo gehört. Am Anfang hieß es: Was brauchen wir einen Pfarrer? Wir haben hier unsere Kathedrale und den heiligen Rasen, was wiederum  einen religiösen Hintergrund offenbarte. Die Stimmen gingen nach zwei, drei Jahren gegen Null. Ich werde  bis heute häufig auf der Straße angesprochen. Ich habe noch von keinem gehört: Wat machen Sie eigentlich immer noch am 23.12. in der Alten Försterei? Es wird natürlich Menschen geben, die ihrer Entscheidung, nichts mit Gott und Kirche zu tun haben zu wollen, treu geblieben sind. Das ist ihre Entscheidung. Die kann ich nur akzeptieren. Aber das Echo kommt von  vielen, die anscheinend anders denken.

Menschen, die sich öffnen?

Einmal kam nach dem Weihnachtssingen eine Frau, die sagte: „Ich bin ein ganz altes Union-Mitglied, dann aber nach Westberlin gegangen.“ Tränen liefen ihr herunter. Sie sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass wir hier miteinander das Vaterunser beten.“ Ich bin nicht nur bei der Weihnachtsgeschichte geblieben. Ich stelle ihr eine  Einordnung voran. Nach einigen Liedern gibt es einen Teil, den man in der Kirche Fürbitten nennen würde. Da lese ich Wünsche und Hoffnungen von Menschen vor, die ich angesprochen habe, und lade ein, das Gebet, das die Welt umspannt, miteinander zu beten.

Wo sehen Sie denn Parallelen zwischen Fußball und Religion?

Es gibt  formale Dinge, an denen sich Parallelen benennen lassen. Zum Beispiel der Einzug der Mannschaft. Die Gemeinde erhebt sich. Dann werden die Spieler durch Kinder, in der katholischen Kirche durch Ministranten, auf das Feld geleitet. Noch stehend, wird das Glaubensbekenntnis gesungen: die Vereinshymne. Das bewegt mich jedes Mal sehr.  Diese Zeile: „Wir werden ewig leben.“ Da kann ich als Christ nur sagen, ja, das ist die Grundsehnsucht von uns Menschen.

Derjenige, der die Ewigkeit schenkt, ist  allerdings anders  interpretiert: Jesus Christus oder der Verein.

Ja, und da ist für mich der Grundunterschied: dass Religion nicht ohne Transzendenz auskommt. Auf dem Fußballplatz bleibt man ja im Immanenten. Es sind die Spieler, die den Sieg herbeibringen. Es sei denn, es wird doll geschummelt. Inwieweit da auch unbewusst etwas, das jenseits unserer Möglichkeiten liegt, eine Rolle spielt, weiß ich nicht. Fußballer sprechen ja öfter davon.

Vom Einfluss des Zufalls oder Gottes.

Union hat ja auch Götter. Zu denen wird sich bekannt. Wenn der Stadionsprecher bei der Auflistung der Spielernamen den Vornamen sagt, antwortet die Gemeinde  mit dem Nachnamen und: Fußballgott.

Viele Fußballer, vor allem  brasilianische, bekreuzigen sich auf dem Feld. Hilft Gott, Tore zu schießen?

Er kann helfen. Aber er wird mehr Freude daran haben, wenn  er sieht, dass sich die Spieler bei ihrem Training auf die Spiele einstellen, ganzkörperlich, mental.   Es sind die beteiligten Menschen, von denen erwarte ich etwas. Ich erwarte von Gott, dass er die Besseren siegen lässt.

Sonst hätte es ein 1:7 zwischen Brasilien und Deutschland nie gegeben.

Ja. Wenn ich darum beten würde, dass Union siegen möchte, bete ich ja zugleich, dass die andere Mannschaft verlieren soll.

Nun gibt es in Mannschaften ja auch Spieler, die nicht dem christlichen Glauben angehören.

Das ist eine Chance für alle, Toleranz zu lernen, die sich auf die Fangemeinde ausweitet. Auch da hat Union mit Migranten oder Geflüchteten ja eine aufnehmende Haltung gezeigt, parallel zu Kirche.

Hilft der Glaube Spielern, mit dem Erwartungsdruck umzugehen?

Es ist eine persönliche Stärkung. Und   eine Möglichkeit,  Menschen im Stadion und  an den Bildschirmen zu sagen: Hey du, ich bin Christ, versuch’s doch auch mal mit Gott.

Manche tun das sehr offensiv.

Es geht ja soweit, dass Leute wie Maradona vergöttert werden. Es gibt einen Altar in seinem Geburtsort, wo die Verehrung mindestens grenzwertig ist mit Götzendienst. Das vermischt sich vielleicht mit einer Sehnsucht des Menschen, Gott greifbar zu kriegen.  Da will uns Weihnachten helfen. Da ist Gott ein Mensch geworden. Wer Gott sehen will, soll auf Jesus schauen.

Vom Fußballgott kriegt man Zählbares. Bei Bitten an Gott ist der Erfolg nicht immer sofort sichtbar.

Das Fußballstadion als Kathedrale ist näherliegender als die Kirche, weil man messbare Ergebnisse kriegt. Menschen, die mit Gott leben, können aber auch von Ergebnissen reden. Ich weiß, dass ein Teil der Weihnachtssing-Gemeinde auf mich verzichten könnte. Aber mir ist auch deutlich geworden: Wir Menschen brauchen Rituale, wiederkehrende Ereignisse, in denen man sich wohlfühlt. Ich denke, dass ich in den zwölf Jahren zu einem Ritual geworden bin, in dem man sich wohlfühlt. Ich bin bei einer Reihe von Menschen angekommen. Hoffentlich mit dem was ich sage, aber auch als Person. Da freue ich mich drüber.