Es ist nicht auszuschließen, dass der 1. FC Union am Ende dieser Spielzeit das gelobte Land namens Bundesliga wieder verlassen muss. Sei es als Direktabsteiger oder nach hartem Relegationskampf – beispielsweise gegen die von Uwe Neuhaus trainierte Bielefelder Armina, bei der Marcel Hartel derzeit so glänzt, dass er es in die Elf des Tages beim Sportmagazin Kicker geschafft hat. Das wäre angesichts der Tatsache, dass es seit der Gründung der Bundesliga 56 Aufsteiger gab, die nur einen Sommer tanzten, nicht weiter verwunderlich. Seit gestern aber ist auszuschließen, dass im Falle des Falles die Köpenicker das Unternehmen Wiederaufstieg ohne ihren Chefstrategen angehen müssen. Denn wie die Rot-Weißen verlautbarten, hat sich der Vertrag des 53-Jährigen spielklassenunabhängig um eine Spielzeit verlängert, er gilt also jetzt bis 2021.

Die kürzlich gestellte Frage, ob es nicht Zeit sei für eine Prolongation seines bis zum 30. Juni 2020 laufenden Arbeitspapieres und damit für eine längerfristige Zusammenarbeit mit den Eisernen, hatte Manager Oliver Ruhnert grundsätzlich als erstrebenswert eingeordnet: „Es gibt keinen Grund, warum es das nicht sein sollte.“ Auch der Übungsleiter erwiderte die Avancen freundlich mit den Worten, er habe beide Ohren offen bezüglich dieses Themas.

Die allerdings hätte er bei vorgenannter Frage durchaus auf Durchzug stellen können. Denn es gab da wenig zu verhandeln im Südosten der Stadt. Durch den im Mai geschafften Aufstieg griff eine Klausel, der zufolge der Vertrag sich automatisch um zwölf Monate verlängert.

Was wohlgemerkt für die beiden Eliteklassen in Deutschland gilt. Mit anderen Worten: Die Eisernen gehen den Freiburger Weg, sie sehen Langfristigkeit als entscheidendes Kriterium an, um Erfolg zu haben. Die Breisgauer haben es in den vergangenen Dekaden ja vorexerziert. Sie hielten sowohl an Volker Finke als auch später an Christian Streich fest, als diese den Neuaufbau im Bundesligaunterhaus versuchen durften. Ähnliches stellt sich Union-Boss Dirk Zingler nun vor.

Warum kommuniziert Union die Verlängerung von Urs Fischer erst jetzt

Stellt sich nur die Frage, warum Union ausgerechnet jetzt kommuniziert, was hausintern bekannt war. Den Gedanken des antizyklischen Handelns, weist der in Zürich-Affoltern aufgewachsene Trainer von sich. „Toll, dass es so ist. Für mich ist das eine schöne Auszeichnung. Sollte aber jetzt gar nicht das Thema sein, sondern viel mehr das Spiel gegen Frankfurt. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe hat nichts mit unseren Niederlagen zuletzt zu tun. Ich hätte lieber gegen Bremen und in Leverkusen gepunktet. “

Es ging dem 56. Erstligisten der Bundesliga-Historie also nicht darum, seinem leitenden Angestellten den Rücken zu stärken, nach zuletzt zwei Niederlagen in Folge. Oder womöglich branchenüblichen Raus-Kassandra-Rufen vorzubeugen, die weitere Rückschlage nach sich ziehen würden. Was angesichts der bevorstehenden Aufgaben in den nächsten vier Spieltagen (Frankfurt, Wolfsburg, Freiburg, Bayern) nicht auszuschließen ist.

Eine Haltung, die nur konsequent zu sein scheint. Mit seiner ruhigen, sachlichen Art, mit seinem geradezu preußisch anmutenden Arbeitsethos passt er perfekt zu den Nachfahren der Schosserjungs. Also dorthin, wo Malochertum groß geschrieben und nicht immer dem nächsten marktschreierischen Trend der Liga hinterhergehechelt wird.

Fischer ist der Mann, der morgens als Erster das Haus betritt, um in der Frühe seine Arbeit vorzubereiten, und der abends oft das Licht ausmacht. Er ist der Mann, der es möglich gemacht hat, dass die eisernen Fans in den vergangenen 15 Monaten so großartige Stunden erleben durften, das 3:1 am 3. Spieltag der Bundesliga gegen Borussia Dortmund inklusive. Wobei der Fußball-Lehrer sich am vergangenen Wochenende durchaus vorgekommen sein muss, wie der der Protagonist im plattdeutschen Märchen mit seiner Gattin. „Myne Fru de Ilsebill, will nich so, as ik wol will“, heißt es da. Was durchaus auf Fischer und seine Crew zutraf. Denn die Jungs um Kapitän Christopher Trimmel wollten sich so gar nicht den vorgegebenen Matchplan halten, was bekanntermaßen im einem 0:2 in der BayArena zu Leverkusen mündete.

Urs Fischer genießt die Wertschätzung bei Union

Das wird künftig eher nicht der Alltag sein, egal wie schwer die kommenden Monate für Klub und Umfeld werden. Fischer ist ein Glücksfall für Union. Wie umgekehrt aber auch. Finanzielle Motive treiben den Schweizer eher weniger an. Da hätte er anderenorts deutlich mehr Geld verdienen können denn bei einem Aufsteiger.

Ihm kommt es auf die Wertschätzung seiner Arbeit an. Die findet er bei den Eisernen wie wohl bei keinem anderen Klub der Liga. Kaum Öffentlichkeitsarbeit notwendig. Abschottung fast nach Belieben. Dort hat er die Ruhe – und damit die Muße – sich um seinen Job zu kümmern. Der zum Beispiel am letzten Sonntag darin bestand, nach absolviertem Frühtraining mit den Profis, mit den A-Junioren der Köpenicker gegen Leipzig und Wolfsburg gegen Hoffenheim zwei Spiele binnen nicht mal 36 Stunden vor Ort zu observieren und nebenbei noch zwei weitere Erstligakicks am TV-Bildschirm zu sezieren.

Ehrgeiz treibt den Mann also an. Egal ob er in der Schweiz schon zweimaliger Meister und Pokalsieger gewesen ist, egal ob er in der Königsklasse des Fußballs Verantwortung tragen durfte. Die Etablierung der Eisernen in der Bundesliga ist für ihn so etwas wie ein Titelgewinn. „Unser ambitioniertestes Ziel ist der Klassenerhalt. Darüber hinaus haben wir im Verein auch über andere Ziele gesprochen, die ich aber nicht öffentlich machen werde.“ Muss er auch nicht. Denn die sind klar: Auf Kurs mit Urs in Deutschlands Fußballoberhaus. Was anders als bei der Ilsebill kein unverschämter Wunsch ist und daher vom „Steinbutt“ des Märchens wohl gewährt werden würde.