Hans-Dieter Flick ist unter den Bayern-Profis sehr beliebt. 
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MünchenSo gegensätzlich die Leistungen im Topspiel der Bundesliga ausgefallen waren, so diametral unterschieden sich anschließend auch die Stimmungsbilder. Zufrieden und bestärkt registrierten sie beim FC Bayern die erneute Machtdemonstration beim 4:0 (1:0) gegen Borussia Dortmund und dehnten in Person von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge umgehend den Auftrag an Übergangstrainer Hansi Flick, 54, unbefristet aus. 

Unterlegt war der Jubel von jener Selbstgewissheit, die in den zurückliegenden Krisenwochen verloren gegangen war. Den BVB dagegen ließ dieses Spiel so konsterniert zurück, dass die Fassungslosigkeit und Wut noch mehr als eine Stunde nach dem Abpfiff in jedem Satz von Sportdirektor Michael Zorc zum Ausdruck kam, nachdem er zuvor „Männerfußball“ und „Kerle“ gefordert hatte.

Von einer „Nicht-Leistung“ sprach er nun, „wir haben nicht stattgefunden“ und „überhaupt keinen Fußball gespielt“. Den ebenso erschütterten und erbosten Trainer Lucien Favre nahm er sofort aus der Schusslinie. Um das Warum für diesen alles andere als titelreifen Auftritt zu ergründen, empfahl Zorc: „Fragen Sie die Spieler.“

Uli Hoeneß bedankt sich

Kurz zuvor hatte Uli Hoeneß der eigenen Belegschaft nach seinem letzten Spiel als Präsident des FC Bayern das Prädikat „Weltklasse“ ausgestellt und sich für einen sportlichen Ausstand ganz nach seinem Geschmack bedankt. „Die Mannschaft hat von der ersten bis zur letzten Sekunde überragend Fußball gespielt“, sagte der 67-Jährige selig vor seinem Abtritt am Freitag auf der Jahreshauptversammlung, vor der an diesem Montag bei der letzten Aufsichtsratssitzung unter seinem Vorsitz noch die Beförderung von Hasan Salihamidzic zum Sportvorstand verabschiedet werden soll.

Und Flick, der nach dem 1:5 in Frankfurt und der Trennung von Niko Kovac auf die Siege in der Champions League gegen Piräus (2:0) und nun gegen Dortmund zurückblicken konnte, freute sich erst einmal auf „ein schönes Glas Rotwein“ zum Abschluss einer turbulenten Woche.

Hinter allen Beteiligten lag ein Klassiker mit hohem Wiedererkennungswert, der wegen der jüngsten Krise der Bayern so nicht erwartet worden war. Schon die vorherigen fünf Ligaspiele in München hatten sie gegen Dortmund meist hoch gewonnen (5:0, 6:0, 4:1, 5:1, 2:1). Nun erweiterten sie diese Serie um ein weiteres, fast schon gewohnheitsmäßiges Debakel für den BVB und auf 26:3-Tore in dem halben Dutzend Spiele. Hauptverantwortlich dafür zeichnete wieder einmal Stürmer Robert Lewandowski mit zwei Toren (17./76.), zudem trafen Serge Gnabry (47.) und der im Sommer von München nach Dortmund gewechselte Innenverteidiger Mats Hummels per Eigentor (79.).

Flick bringt den Spaß zurück

Nebenbei waren es bereits Lewandowskis Tore 15 und 16 im elften Ligaspiel dieser Saison, womit er Gerd Müllers Rekord aus der Saison 1968/69 zu diesem Zeitpunkt (15) überbot und für Rummenigge auch ernsthaft dafür in Frage kommt, die damals am Ende insgesamt 40 Ligatreffer der Vereinslegende zu übertreffen. „Er ist der Erste, der diesem Rekord wirklich gefährden kann“, sagte Rummenigge. Am Sonntag wurde bekannt, dass der Pole seine nötige Leisten-OP auf die Winterpause vertagen wird und damit wie Flick auch nach der Länderspielpause in Düsseldorf dazu beitragen kann, dass die erfolgreiche Rückkehr zum Mia san mia unterfüttert wird.

Mit dem beliebten Flick hat das offenbar ebenso viel zu tun wie mit der Trennung von Kovac. „Hansi Flick hat uns daran erinnert, warum man eigentlich Fußball spielt: Es soll Spaß machen“, sagte Leon Goretzka. „Es hat sicherlich Strömungen innerhalb der Mannschaft gegeben, die den Trainer weg haben wollten, und deswegen hat die Führung entsprechend reagiert“, sagte Hoeneß im ZDF-Sportstudio. Fast schon erlöst wirkt die Mannschaft und sehr gewillt, die neuen Vorgaben von Flick umzusetzen, den Kapitän Neuer als „Menschenfänger“ bezeichnete.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß freut sich über eine Mannschaft, die erlöst wirkt.
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Die Bayern sind auf Stabilität bedacht, aber verteidigen nun höher. Aggressiver ist die gesamte Ausrichtung, und sie wird getragen von einer neuen Achse, die von Torwart Neuer über den sehr präsenten Sechser Joshua Kimmich und den ebenso engagierten Thomas Müller bis hin zu Lewandowski verläuft. In wenigen Tagen hat Flick eine Struktur geschaffen, die an den FC Bayern vor Kovac erinnert, trotz Notabwehr mit den Aushilfs-Innenverteidigern Javier Martínez und David Alaba.

Die Dortmunder traten den Münchnern nur anfangs halbwegs gleichwertig entgegen, ehe sie sich hinwegfegen ließen wie lose Blätter von einem Herbststurm. Das vor der Saison ausgerufene Ziel Titelgewinn wirkte   einigermaßen deplatziert. „Ab der 15. Minute war es wirklich nix mehr, da waren wir die klar unterlegene Mannschaft. Bayern war besser in allen Belangen“, sagte Hummels und befand übergeordnet, dieser wehrlose Auftritt sei „ein Zeichen für uns, dass wir keine Toptruppe sind“, vor allem auswärts. Der FC Bayern dagegen scheint zurück im Mia san mia.