Trainer in Deutschland: Deutschlands Bundestrainer schlagen Alarm

Über Bewegungsarmut in Deutschland ist oft diskutiert worden. Um sie nachhaltig zu bekämpfen und darüber hinaus im Leistungssport international konkurrenzfähig zu bleiben, fangen jetzt die Trainer an, sich zu bewegen. Deutschlands Bundestrainer haben offenbar genug davon, „dass man sich jährlich trifft und so ’nen Jammerzirkel aufmacht“, beteuert Hockey-Bundestrainer Markus Weise. Stattdessen wollen sie mit ihrer Forderung nach mehr gesellschaftlicher Anerkennung und Geld „in die Politik und in die Medien eine gewisse Stoßkraft entwickeln“, denn „ein guter Trainer ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Weise.

Nach jahrelangen, ergebnislosen Diskussionen über schlechte Bezahlung, kurze Vertragslaufzeiten, Unzulänglichkeiten in der Ausbildung und mangelnde Perspektiven haben die Bundestrainer bei ihrem diesjährigen Treffen Anfang Oktober in Düsseldorf eine neunköpfige Trainerkommission gebildet und einen Forderungskatalog verabschiedet, den sie am Freitag in Berlin vorstellten.

Die drei Kernpunkte: 1) angemessene gesamtgesellschaftliche Anerkennung der Werte und Möglichkeiten des Sports. 2) Verbesserung der Rahmenbedingungen für Leistungssportler und deren Trainer. 3) Einbindung der Trainer in die Führungsgremien des deutschen Sports. „Mehr Sport für Deutschland“, lautet Teil eins ihrer Kampagne, Teil zwei: „Mehr Trainer für Deutschland.“

Mindestens ein Lehrergehalt

Mit der Gründung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) war 2006 der Beirat der Bundestrainer abgeschafft worden. Eine Organisation zur Vertretung von Trainerinteressen gibt es seither nicht mehr. Ein Berufsbild ist nirgends verankert. „Wir wollen ein Teil der Leistungssportstruktur des DOSB sein“, sagt Weise. „Und wir brauchen ein Berufsbild unter dem Dach des DOSB.“

Weise, 50, gewann 2004 mit den Hockeyspielerinnen, 2008 und 2012 mit den Männer Olympiagold. Er bemängelt die Unterbezahlung der Trainer vor allem im Kinder- und Jugendbereich: „Für Lehrer gibt es hierzulande eine gesunde Gehaltsstruktur, für Trainer aber nicht.“

Für Beate Ludewig, Jugend-Bundestrainerin im Deutschen Schwimmverband (DSV), beginnt die Bewegungsmisere bereits im Kindergarten. Sie setzt sich im Grundschulalter fort, wo eine qualifizierte Sportförderung oft fehle, weil ausgebildete Erzieher und Nachwuchstrainer fehlen. „Wenn man die Verantwortung dieser Trainer und deren Belastung sieht, ist ein Lehrergehalt das Mindeste. Momentan kriegen sie 800 bis 1400 Euro. Und das bei einer 50- bis 70-Stundenwoche. Das geht nicht.“ Allein im DSV fehlten ihr deutschlandweit 100 Nachwuchstrainer, sagt Ludewig. Als Lösungsansatz nennt sie ein Collegesystem wie in den USA oder Lehrertrainer nach dem Beispiel des Bundeslandes Brandenburg.

„Wir wollen Impulse setzen in dieser Gesellschaft und deutlich machen, welchen Wert der Sport haben kann“, betont Tischtennis-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. „Es gibt keinen erfolgreichen Sportler, der nicht von einem guten Trainer angeleitet wird.“ Während von den etwa 500.000 Trainern im DOSB nur 2 500 hauptamtlich arbeiten, sind einer Studie der Universität Leipzig zufolge in Großbritannien 36.500, in Australien 28.000 und in den USA 217.000 Trainer hauptamtlich tätig.

Fußball als Positivbeispiel

Auch Frank Engel, früher Fußball-Nationaltrainer der DDR, heute U15-Coach beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) engagiert sich in der Trainerkommission, weil er beobachtet hat: „Wenn man früher zehn Leuten einer Klasse gesagt hat: Kletter mal auf diesen Baum, hätten es acht geschafft, einer halb, einer nicht. Heute ist es umgekehrt. Da schafft es einer. Bei acht muss man aufpassen, dass sie nicht verunglücken.“ Über diesen Zustand müsse die Gesellschaft nachdenken. „Der Trainer ist immer der Schlüssel“, sagt Engel. Der Schlüssel zu Bewegung und Leistungsfähigkeit.

Wobei Engel sagt, er könne im Fußball nicht meckern: Der DFB hat mit einer beispiellosen Strukturreform die Zahl der hauptamtlichen Trainer innerhalb der vergangenen zehn Jahre von 50 auf 500 erhöht und 52 Leistungszentren geschaffen.

Der DFB und die Deutsche Fußball Liga (DFL) investieren jährlich 100 Millionen Euro in die Gesamtnachwuchsförderung. Während das Durchschnittsalter der deutschen Nationalspieler 2000 noch 30 Jahre betrug, lag es 2012 unter 25, „die Jugend ist also nach vorn marschiert“, sagt Engel. Das Konzept des DFB hatte Erfolg. „Aber Fußball“, fügt er an, „ist ein Geschäft.“

Kanufahren, Judo oder Schwimmen eher nicht. Diese Verbände balgen sich mit allen anderen um die 130 Millionen Euro aus dem Fördertopf des Bundesinnenministeriums. Und Markus Weise sagt: „Mit 200 000 Euro mehr im Jahr wäre der Hockeyverband glücklich.“