Jürgen Klinsmann gibt auch in Florida gleich bei der ersten Übungseinheit den Motivator.
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Orlando/FloridaEs ist davon auszugehen, dass die Anschrift nicht ausschlaggebend dafür war, warum sich Hertha diesen Winter in Orlando im US-Bundesstaat Florida auf die Rückrunde vorbereitet. Direkt am Ronald Reagan Parkway auf dem ChampionsGate Sports Complex trainieren die Berliner die kommenden Tage, bevor am 19. Januar zum Rückrunden-Auftakt der FC Bayern im Olympiastadion gastiert.

Doch die Adresse passt perfekt zu dem (Marketing-)Motto, das sich Hertha BSC für sein Trainingslager und den dort aufgestellten Werbebanden verpasst hat: „Berlin tears down walls“ (sinngemäß: „Berlin reißt Mauern ein“). Schließlich forderte der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 in seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Führer der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, dazu auf, die Berliner Mauer zu öffnen („Tear down this wall“), die seit August 1961 West- und Ost-Berlin teilte.

Den Leitsatz macht sich Hertha bereits zum zweiten Mal zunutze. Der Klub hatte sich das Motto bereits im vergangenen Mai, als die Blau-Weißen nach der Saison zu einer reinen PR-Tour durch die USA tingelten, auf die Fahne geschrieben. Zum damaligen 30-jährigen Mauerfalljubiläum versuchte Hertha in den Staaten das Profil zu schärfen, indem man sich als weltoffener und toleranter Klub präsentierte. Fußball wurde nur bei zwei Testspielen gespielt. Im Vordergrund standen vielmehr diverse Promotions-Termine.

Zeit für Detailarbeit

Auch diesmal wird der US-Trip von der Deutschen Fußball Liga (DFL) gefördert, die seit Jahren darum kämpft, auf dem amerikanischen Markt Boden auf die englische Premier League gutzumachen. Liefert Hertha der DFL bestimmte Auflagen wie Fotos und Videomaterial, schüttet der Ligaverband Geld aus, so dass sich die Ausgaben und Einnahmen für das Trainingslager sogar die Waage halten können.

Anders ist hingegen diesmal der Fokus. Statt die Werbetrommel zu rühren, konzentriert sich Hertha im Sonnen- und Rentnerstaat nur auf das Sportliche. Cheftrainer Jürgen Klinsmann, 55, will den Grundstein legen, um in der Tabelle nach oben zu klettern. „Es geht um Automatismen, um Laufwege und mehr Feingefühl untereinander. Wir wollen das Spiel Schritt für Schritt nach vorn verlagern“, erklärte der ehemalige Bundestrainer vor der Abreise. Dass seine Schützlinge in den fünf Spielen unter seiner Führung seit November acht Punkte holten und auf dem zwölften Platz überwintern, entspannt Klinsmann nicht.

Um die Dinge anzupacken, ging es direkt am ersten Tag entsprechend früh und schweißtreibend auf dem Trainingsplatz zur Sache. Unweit der im typischen amerikanischen Stil „Hauptsache groß“ gehaltenen pompösen Hotelanlage, trommelte Fitness-Trainer Henrik Kuchno bereits um 9.30 Uhr die Spieler bei 25 Grad und unangenehm hoher Luftfeuchtigkeit zusammen. „Es geht darum, durch physische Stärke Selbstvertrauen aufzubauen und uns dann durch taktische Inhalte zu verbessern“, erklärt Klinsmanns Assistent Alexander Nouri nach der ersten Einheit. „Wir haben noch viel Luft nach oben. In allen Bereichen“, analysiert Nouri und erklärt die Detailarbeit: „Wir müssen Lösungen mit dem Ball finden. Laufwege abstimmen und den Jungs aufzeigen, wie sich jeder besser einbringen kann.“

Klinsmann mit Co-Trainer Alexander Nouri vor Herthas Werbebande. 
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Letzte Chance für Ondrej Duda

Für den Feinschliff verkleinerten Klinsmann und sein Trainerteam den Kader. 24 Spieler und drei Torhüter reisten über den Atlantik. Der am 1. Januar für zwölf Millionen Euro von Zweitligist VfB Stuttgart verpflichtete Argentinier Santiago Ascacibar, 22, ist genauso dabei wie der wechselwillige Spielmacher Ondrej Duda. „Wir wollen den Spielern, die dabei sind, eine realistische Perspektive auf Spielzeit geben. Das liegt am Ende an jedem Spieler selbst. Die Tür steht jedenm offen, um alles zu geben“, sagt Nouri. Und: „Es geht darum sich anzubieten. Auch in den Testspielen.“

Eine letzte Chance für Duda, sein Talent wieder zu zeigen, wird es am Mittwochabend (2 Uhr MEZ) geben, wenn Hertha gegen Liga-Konkurrent Frankfurt testet. Florida diente übrigens   einigen Klubs als gutes Pflaster für Erfolge. Auch Ajax Amsterdam (vergangenes Jahr Champions-League-Halbfinalist) trainierte im Winter unter US-Sonne. Hertha hingegen verbrachte die vergangenen Winter zu Hause und verspielte durch schwache Rückrunden jeglichen Ertrag. Diesmal sind die Vorzeichen umgekehrt.