BerlinDer Tag nach dem 1:1 gegen den VfL Wolfsburg begann für Herthas Coach Bruno Labbadia mit einer Überraschung. Seine dicke Jacke konnte er zu Hause lassen, als er auf das Trainingsgelände fuhr. Der Novembertag war nicht grau, kalt und feucht, sondern goldig, sonnig  - das Thermometer zeigte 20 Grad Celsius an. Es gilt die letzten intensiven Sonnenstrahlen dieses seltsamen Jahres aufzusaugen. Wenn es doch auch bei Hertha so einfach wäre. Die Blau-Weißen stehen zum Saisonstart nicht auf der Sonnenseite der Tabelle. Noch kein Heimsieg, magere vier Punkte, Platz 14. Das fühlt sich oberflächlich nach saisonaler Depression auf dem Rasen an, begleitet von einem Chor der apokalyptischen Reiter, der immer wieder das langweilige Lied vom nahenden Untergang singt.

Labbadia hingegen bleibt trotz des Fehlstarts gelassen. Er kennt diese Situation und reagiert darauf nicht mal ansatzweise genervt, wenn schon vom Schicksalsspiel am Sonnabend in Augsburg geschrieben wird. „Das ist ein Thema von anderen Leuten, aber nicht von uns. Wir lassen uns auch nicht vom Druck von irgendeiner Seite beeinflussen“, sagt der Trainer mit ruhiger Stimme.

Hertha-Zugang Guendouzi überzeugt im Mittelfeld

Labbadia hat eben nicht nur das ernüchternde Ergebnis auf der Anzeigentafel im leeren Olympiastadion gesehen, sondern in erster Linie die Fortschritte seines Teams. „Mit der Punktausbeute sind wir nicht zufrieden, weil wir das Spiel einfach gewinnen müssen. Wir hatten extrem viele Torchancen. Auf der anderen Seite haben wir viel richtig gemacht. Wenn wir weiter beharrlich sind, werden wir noch bessere Ergebnisse liefern. Wir müssen nur dran bleiben“, sagt der ehemalige Bundesliga-Stürmer, der ansehen musste, wie seine Spieler reihenweise Torchancen vergaben.

Die Blau-Weißen haben zu dieser Saison den kompletten Neuaufbau des Teams gewagt, vierzehn Spieler verließen den Verein im Sommer. „Ich weiß, das habe ich schon oft erzählt. Auch die langen Länderspielpausen sind gerade für uns nicht gut, wenn sich die Spieler als Team finden müssen“, appelliert er immer wieder an die Geduld. Denn er sieht Fortschritte, und seine Hoffnungen auf bessere Tage wachsen.

Ein Grund war das Bundesliga-Debüt von Neuzugang Matteo Guendouzi, der Anfang Oktober vom FC Arsenal London kam. Der 21-jährige Franzose wurden für den am Knie verletzten Landsmann Lucas Tousart  in der 57. Minute eingewechselt und überzeugte im Mittelfeld. „Matteo hat das sehr gut gemacht. Er hat Bälle gefordert, sie immer wieder nach vorne geschleppt und präzise, einfache Pässe gespielt. Er tut unserem Spiel gut“, lobte Labbadia den Lockenkopf. Nach dem Abgang von Marko Grujic haben die Blau-Weißen endlich wieder eine ordnende Hand im Mittelfeld.

Der ehrgeizige Stratege hatte einen schwierigen Start in Berlin. Bei der Länderspielreise mit Frankreichs U21 infizierte er sich mit Corona und musste zehn Tage in Quarantäne. Erst vergangene Woche konnte er mit der Mannschaft trainieren. Für einen Startelfeinsatz war es noch zu früh, und Labbadia teilte ihm das vor dem Spiel mit. „Das hat er völlig normal aufgenommen. Man darf nicht vergessen, dass Matteo im vergangenen halben Jahr nicht so häufig gespielt hat. Und er muss erstmal seine Mitspieler richtig kennenlernen“, so Labbadia.

Der 33-minütige Auftritt macht Hoffnung auf mehr. „Er hat ein gewisses Extra. Er braucht jetzt Spielpraxis. Ich war zufrieden mit ihm, wie auch mit dem ganzen Team“, so Labbadia und ergänzt: „Es ist wichtig, immer wieder der Mannschaft die Unterstützung und den Glauben an sich selbst mitzugeben.“ Zum Wochenauftakt hatte auch der freundliche Spätherbst daran seinen Anteil.