Zu diesem Mann muss man einfach aufschauen, denn Richard Golz, 45, misst stattliche 1,99 Meter. Jeden Morgen gehört er zu den ersten aus dem Trainerstab des Bundesligisten Hertha BSC, die schon auf dem Rasen des Übungsplatzes in der Steiermark stehen, ehe die Spieler aus dem Mannschaftsbus steigen. Dann trägt Golz Bälle über das Gelände, Sprungseile, kleine Hindernisse – Utensilien, die er für das Torwarttraining benötigt.

Seit einigen Wochen ist der ehemalige Bundesligakeeper, der es für den Hamburger SV und den SC Freiburg auf 453 Erstligaspiele brachte, Torwarttrainer bei Hertha. Golz besitzt enorme Erfahrung und einen großen beruflichen Horizont, der gebürtige Berliner schloss ein Studium in BWL sowie im Sport- und Eventmanagement ab. Bei der Hertha, so heißt es jedenfalls, soll er nun neue Impulse setzen. Deshalb zog ihn Trainer Jos Luhukay dem altgedienten Christian Fiedler vor.

Sachlich modern

„Es hat sich einiges verändert im Spiel der Torleute“, sagt Golz, dessen Auftrag es ist, Thomas Kraft, Sascha Burchert und Philipp Sprint qualitativ voranzubringen. Wie sollen also die drei agieren? Sachlich? Spektakulär? Lautstark? Golz grinst und sagt: „Wer bei Hertha im Tor steht, muss mit seiner Persönlichkeit, seiner Ausstrahlung wichtigen Einfluss auf das Spiel und seine Mannschaftskameraden nehmen. Ich denke, der Torhüter ist der wichtigste Mann. Ein dominanter Profi im Tor ist gut für das Team.“ Golz sieht aber auch die Schattenseiten: „Wenn ein Torhüter einen Fehler macht, der zu einem Gegentor führt, kann er diesen nicht mehr korrigieren. Das ist endgültig. Das Spiel läuft dann ganz anders, ohne guten Torwart gewinnt man keinen Blumentopf.“

Golz, das ist auffällig, lässt sehr viel mit dem Ball am Fuß arbeiten. Er sagt: „Es gibt Statistiken, die besagen, dass 70 Prozent der Arbeit von Torhütern inzwischen mit den Füßen erledigt wird. Abstöße, Abschläge, Abwehraktionen. Es geht im heutigen Fußball viel um Ballbesitz. Da ist es enorm wichtig, dass der Keeper den Ball im Spiel halten kann.“

Golz weiß, wovon er spricht. Er kennt die Liga aus Hunderten Erstligaeinsätzen. Als er sein eigenes Auftreten im Tor beschreiben soll, zögert er kurz und sagt dann: „Ich habe eher unspektakulär gespielt. Ich bin nicht durch die Luft geflogen und habe vier Rollen gedreht. Ich habe einen sachlichen Stil gepflegt, war aber schon ein moderner Torhüter.“ Dass er trotz seiner Größe auch gut mit dem Ball umgehen konnte, hat er einst in einer durchaus spektakulären Situation bewiesen. Im April 1996 musste der HSV wegen zahlreicher verletzter Spieler arg dezimiert bei Hansa Rostock antreten. Trainer Felix Magath brachte zehn Minuten vor Schluss Ersatzkeeper Holger Hiemann und stellte den langen Golz ins Sturmzentrum. „Ich hatte damals noch zwei Viertelchancen“, erzählt Golz. „Leider habe ich keinen Ball reingemacht.“

Dabei sei das Torwarttraining zu seiner aktiven Zeit längst nicht so spezialisiert gewesen wie heute. „Ich bekam erst im hohen Alter einen Torwarttrainer, sonst war meist ein Assistent für uns Keeper zuständig. Da hieß es oft nur: Zieht Handschuhe an und ab ins Tor!“ Der Assistenztrainer habe oft ein paar Bälle in die Hände geschossen, und das war es auch schon.

Derzeit, so Golz, verbringe er als Torwarttrainer beinahe die Hälfte des gesamten Trainings mit seinen Keepern allein bei individuellen Übungen. Man müsse viel reden und als mentale Vorbereitung aufs Spiel Stresssituationen simulieren. Das Trio ziehe gut mit.

Bewunderer von Quasten

Als überqualifiziert mit seinen zwei abgeschlossenen Studien sieht sich Golz nicht an. „Nein, nein. Ich bin mit meiner Situation sehr zufrieden und mache diesen Job mit Leib und Seele.“ Eine Anfrage in Sachen Managerposten des SC Freiburg in diesem Jahr sei nicht so heiß gewesen, wie in der Öffentlichkeit dargestellt. Dennoch habe er sich „ganz bewusst beruflich breit aufgestellt“.

Bevor der Anruf von Jos Luhukay kam, arbeitete Golz als Assistenz -und Torwarttrainer bei den Amateuren des Hamburger SV. Für ihn ist es erst einmal ein Glücksfall, dass er wieder in Berlin arbeiten kann. Als Kind saß er im Olympiastadion im Unterrang Mitte und hat den damaligen Hertha-Torwart Gregor Quasten bewundert. Golz weiß noch, dass der damals ein auffälliges silbernes Uhlsport-Trikot trug, das er sich natürlich auch besorgte. „Dabei hat der Quasten anders gespielt als ich später. Der war oft ein Showman, der viele kleine spektakuläre Einlagen gab.“ Er war ein Torwart aus einer anderen Zeit.