Berlin/Porto - Dank einer taktischen Meisterleistung, die in erster Linie natürlich Thomas Tuchel, der Trainer, für sich in Anspruch nehmen darf, hat der FC Chelsea London das Champions-League-Finale gegen Manchester City für sich entschieden. Nach 97 tollen Fußballminuten hieß es nach einem Treffer des prächtig aufspielenden Kai Havertz am Ende 1:0 für die Blues, die nach 2012 ihren zweiten Triumph in der europäischen Eliteliga feiern konnten. Für City hingegen, für das Team von Coach Pep Guardiola, endete die Kampagne Europa einmal mehr in Tränen.

Die vier deutschen Nationalspieler, die bei den beiden Premier-League-Klubs derzeit unter Vertrag stehen, standen da wie dort in der Startelf. Also neben Ikay Gündogan, Antonio Rüdiger und dem bereits erwähnten Havertz auch Timo Werner, der auf der Insel schon sehr viel Häme über sich ergehen lassen musste. Und in der Tat: Manchmal war der ehemalige Leipziger tatsächlich nicht auf Augenhöhe, wenn sich die Blues in der besten Liga der Welt oder eben in der europäischen Eliteliga mit den Besten der Welt maßen. 

Müde Eröffnungszeremonie mit Marshmello und Selena Gomez

Bevor es in Porto aber um Fußball ging, musste man als Beobachter erst mal die Eröffnungszeremonie der Europäischen Fußball-Union (Uefa) über sich ergehen lassen. Klar, man hätte in diesen zehn Minuten auch noch schnell einen Kaffee ziehen können, aber bei den großen Namen ist man dann doch ein wenig neugierig. Marshmello, den DJ mit dem lustigen Mülleimer auf dem Kopf, Selena Gomez, die mit der tollen Stimme, und den sehr begabten Khalid hatte die Uefa für die Einstimmung aufs Finale verpflichtet, bekannte Größen des Showgeschäfts also, aber was dabei in einer digitalen Non-Live-Version rauskam, war wirklich eine Enttäuschung. Ein müdes Medley war das, mit modernster Technik zusammengeschnitten, aber letztlich saulangweilig.

Ein Glück, dass es Fußball gibt. Fußball, der auf höchstem Niveau zurecht als Kunstform erachtet werden darf. Vor 16.500 Zuschauern im wunderschönen Estádio do Dragão zu Porto lieferten sich die beiden Teams jedenfalls von Beginn an ein großartiges Duell. Bei dem Werner, und das spricht für ihn, sogleich im Mittelpunkt stand. Gegen ihn spricht, dass er in der 10. und 14. Minute gleichmal zwei ziemlich gute Torchancen vergab. Beim ersten Mal hatte ihn Havertz in Position gebracht, beim zweiten Mal der fantastische Mason Mount, aber Werner war einfach nicht cool genug, nicht entschlossen genug, um das 1:o zu markieren.

Die Guardiola-Jünger zweifeln

Die Chancen für Chelsea waren Ausdruck für die Überlegenheit der Blues. Tuchel hatte Guardiola offensichtlich in spieltaktischer Hinsicht eins ausgewischt, ließ a) sein Team mit vielen langen Bällen operieren, um ein Pressing von City zu verhindern. Und setzte b) Havertz und Mount darauf an, die Außenverteidiger der Citizens stets früh zu attackieren. Nur eine wirklich gute Torchance hatte der englische Meister, der an sich so extrem offensiv ausgerichtet war, nämlich durch Phil Foden in der 27. Minute, doch Rüdiger grätschte dazwischen, blockte den Schuss des Ausnahmetalents gekonnt ab. 

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Havertz umkurvt Ederson und trifft zum 1:0.

Die Blues diktierten in jedweder Hinsicht das Geschehen, streuten immer wieder Zweifel in das Spiel der Guardiola-Jünger, legten auf eindrucksvolle Weise die Schwächen des Gegners bl0ß. So wie schließlich in effektivster Weise in der 43. Minute, als Keeper Edouard Mendy das Spiel mutig eröffnete, über Ben Chilwell der Ball bei Mount landete. Der englische Nationalspieler erkannte sogleich die Chance auf die Chance, spielte in den Lauf von Havertz, der aus der Schnittstelle kommend noch Keeper Ederson umkurvte und zum 1:o für die Londoner abschloss.

Kante leistet Herausragendes

Tuchel hatte seinem Kumpel Guardiola, der seltsamerweise in der Zentrale ohne Rodri oder Fernadinho in dieses Endspiel gestartet war, also ein paar Rätsel mit auf den Weg in die Kabine gegeben. Rätsel, die schleunigst gelöst werden mussten, damit Manchester in der europäischen Eliteliga nicht eine weitere Enttäuschung erfährt. Doch auch in der zweiten Hälfte hatte das Team des deutschen Trainer-Sonderlings eigentlich alles im Griff. Dank der nachhaltigen Taktikvorgabe, dank der Klasse von N’Golo Kanté, der im zentralen Mittelfeld einen sagenhaften Auftritt hinlegte. Der Franzose war überall, bearbeitete Kevin de Bruyne, stellte Gündogans Lauf- und Passwege zu. Und als de Bruyne nach einem Check von Rüdiger ausgewechselt werden musste, schwand die Hoffnung der Citizens immer mehr (60.).

Diesem unguten Gefühl musste Guardiola mit Wechseln entgegenwirken. Der Katalane brachte Jesus Gabriel und Fernadinho, später auch Sergio Agüero, und tatsächlich wurde das Spiel seiner Mannschaft druckvoller. Und tatsächlich war in den letzten 20 Minuten wieder City-Fußball zu sehen, also ein Fußball mit hohem Passtempo und sehr guter Tiefe.

Pulisic vergibt die Chance zum 2:0

Doch irgendwie brachte Chelsea es fertig, dass fürs Erste dadurch kaum Torgefahr entstand. Rüdiger tat sich dabei hervor, auch Kapitän Cesar Azpilicueta und der ehemalige Mönchengladbacher Andreas Christensen, der bereits nach 39 Minuten für den verletzten Thiago Silva ins Spiel gekommen war. Mendy, und das ist wirklich das Erstaunlichste an diesem Spiel, musste letztlich nicht einen Torschuss parieren, wenngleich natürlich nicht unerwähnt bleiben darf, dass den Blues beim Verteidigen vor allem in der Nachspielzeit auch das Glück zur Seite stand. Auch als Riyad Mahrez in der 97. Minute aus 16 Metern verzog.

Bei einem Konter über Havertz hatte Christian Pulisic schließlich noch die beste Chance auf einen weiteren Treffer. Der ehemalige Dortmunder allerdings traf in der 73. Minute eine Fehlentscheidung, lupfte den Ball, statt konsequent mit einem Flachschuss abzuschließen.