Villach - „Die Chemie stimmt“, sagt Damir Kreilach. Der 27-jährige ehemalige Kapitän erfüllt in diesem Trainingslager mal wieder die Vorbildfunktion. Erhobenes Haupt, in jeder Einheit vorneweg, und sei sie physisch noch so fordernd, vorne wie hinten immer zur Stelle. Er quält sich gerne für Mannschaft und Erfolg. Dass da schnell eine gemeinsame Ebene mit Jens Keller, dem neuen Trainer des 1. FC Union, gefunden wurde, verwundert nicht. Auch weil der Fußballlehrer gleich mal auf die Distanz schaffende Höflichkeitsform verzichtet hat. Er möchte mit seinen Spielern auf Augenhöhe kommunizieren. Bei den Eisernen stand am Anfang dieser Saison also das Du.

Arbeit statt Vergnügen

Die Molekülstruktur des 1. FC Union ist allerdings komplex. Ob sich eine stabile Einheit bildet oder ein explosives Gemisch, hängt in diesem Verein nicht nur von der Verbindung zwischen Trainer und Team ab. Die Fans wollen sich integriert wissen. Mehr sogar: Sie definieren nach eigenen Kriterien, die nicht immer bis ins Detail mit den Vorgaben des Präsidiums übereinstimmen, wer oder was Union ist. Norbert Düwel, Kellers Vorvorgänger, war in ihren Augen nie Teil des Vereins. Vorhersehung oder selbsterfüllende Prophezeiung? Düwel scheiterte.

Am ersten Trainingstag in Villach trug sich nun Bemerkenswertes zu. Keller ist auf dem Weg zur Bank am Rande des Platzes, wo die Wasserflaschen stehen. Es ist heiß. Auf den untersten Stufen der Tribüne haben sich wie üblich ein paar mitgereiste Unioner versammelt, eher jüngeren Semesters, sie trinken nicht nur gegen den Durst an. Der Coach geht auf sie zu und grüßt. Die Fans wollen wissen, wann der Mannschaftsabend stattfindet. Keller gibt sich unwissend: „Welcher Mannschaftsabend? Wir sind hier im Trainingslager.“ Auf dem Programm steht Arbeit, nicht Vergnügen.

Das trifft auf wenig Verständnis, schließlich ist der Abend, an dem Fans und Spieler gemeinsam speisen für die Begleiter seit Jahren der zentrale Fixpunkt. Gelebte Nähe. Hier wurzelt der Glaube an die Einheit von ewigen Unionern (Fans) und temporären (Spieler). Versteht das der Neue nicht? „Du musst noch viel lernen“, schallt es in Richtung Keller. Der Trainer hat dank seiner Vergangenheit bei Schalke 04 Erfahrung mit Tribünenfanatismus – im Negativen wie im Positiven. Er antwortet unaufgeregt, sinngemäß sagt er: „Ich habe schon mehr vergessen, als du jemals lernen kannst.“ Denkpause. Die Pfiffe bleiben aus, die Erkenntnis: Da steht einer, der sich nicht einschüchtern lässt. Das mögen die Eisernen. Gejohle. Lernen müssen vor allem die Fans: Das Wichtigste in einem Sportverein ist die Mannschaft und deren Erfolg.

Die passende Antwort

Kellers offene Worte unterstreichen, was in den vergangenen beiden Jahren bei Union hinter den Kulissen geschehen ist: Professionalisierung auf allen Ebenen – in Geschäftsführung, Nachwuchsarbeit, Trainerstab. Die Fußball- und Fankultur bleibt, aber die Bedürfnisse der Sportler genießen Priorität. Daher müssen es die Anhänger auch verkraften, dass der der neue Assistenztrainer, Henrik Pedersen, sein Geld zuvor bei der Salzburger Dependance des in Union-Kreisen verhassten Marketing-Klubs verdient hat. Die passende Antwort hatte Keller schon bei seiner Vorstellung gegeben. „Er hat da Erfahrungen im Nachwuchsbereich gesammelt und ich wüsste nicht, was an einem Menschen schlecht ist, der vor zwei Jahren bei Red Bull gearbeitet hat.“ Dass die mit vielen Brausemillionen subventionierten Österreicher insbesondere im Jugendbereich gute Arbeit leisten, steht außer Frage. Und dass Pedersen zu deren Nachwuchskoordinator aufstieg, spricht für seine Expertise.

Seit knapp drei Wochen arbeiten Keller und Pedersen nun an der sportlichen Zukunft des 1. FC Union und es ist nicht zu übersehen, welche Art Fußball dem Duo vorschwebt. Das Augenmerk in jeder Übung liegt auf der Balleroberung, das Leitmotiv lautet: den Gegner in Unterzahl so unter Druck setzen, dass er Fehler macht. Die häufigste Parole: „Zum Ball!“ Für die Offensive gilt: „So lange spielen, bis einer ins Tempo kommt.“ Das klingt geduldiger, als es ist. Wirklich viel Anlaufzeit erlauben sie den Angreifern nicht. „Tempo, Tempo.“

„Wenn man sieht, was die Mannschaft in den letzten zwei Wochen abgezogen hat, ist es schon unheimlich schwer, ständig den Ball zu jagen“, sagt Keller. „Die sind kaputt.“ Locker lässt der 46-Jährige trotzdem nicht. Auf die Übungen mit Ball folgen Sprints. Denn wenn in der Saison nur ein Einziger zu müde für den passwegschließenden Schritt ist, zerfällt das Gebilde. Dann ist der Weg frei für den Gegner.

„Sie setzen immer wieder einiges um, aber die Mannschaft ist körperlich noch nicht in der Lage das zu spielen. Wir wollen mehr aggressive Balleroberungen haben“, sagt Keller, für den Zweitligadurchschnitt keine Option darstellt. Der entscheidende Unterschied zu Düwel und Sascha Lewandowski ist, dass Keller angekündigt hat, sich zunächst die Charaktere im Kader anzuschauen und dann seine Idee daran auszurichten. Das war vorher anders, da wurde versucht ein System überzustülpen.

Viel Energie bei Union

Bei Düwel hatte jede Übung einen doppelten Nutzen, alles war wissenschaftlich durchdacht. Unter Lewandowski nahm die Taktikschulung schließlich überhand, die Theorieeinheiten dauerten oft länger als die Spielphasen. Jens Keller hingegen macht Verhaltensschulung. Spieler müssen aufeinander reagieren, die Spielsituation erfassen, nachschieben. Das wirkt erst mal weniger dominant als Ballbesitzfußball, aber dieses aktive Reagieren steuert den Gegner im Idealfall genau in die gewünschte Richtung. Alle Spieler wirken zusammen – wie benachbarte Atome in einem Molekül, die entlang der Bindungsachsen schwingen.

Zusammengehalten und gesteuert werden die periodischen Schwingungen auf dem Fußballplatz durch Worte, was in Villach phasenweise eine komplette Kommunikationskonfusion zur Folge hat. Jeder redet mit jedem. „Maxi, was ist heute mit dir los?“, „Was machen wir?“, „Dahin!“, „Dorthin!“, „Hierhin!“, „Das darf doch nicht wahr sein.“

Es ist viel Energie in diesem Trainingslager, und so anstrengend es ist: Die Spieler scheinen Gefallen daran zu haben. Noch ist alles getragen vom Willen, sich dem neuen Trainer von der besten Seite zu präsentieren, später wird es darauf ankommen, dass die Spieler an ihren Coach und die Sinnhaftigkeit der Plackerei glauben.