Einen Fingerzeig, dass es Herthas neuem Trainer bereits früh in der Saisonvorbereitung um die Implementierung einer neuen Spielphilosophie geht, lieferte Ante Covic bereits vor der Abreise in das einwöchige Trainingslager in Neuruppin, das ohne den verletzten Torwart Thomas Kraft stattfindet (Schleimbeutel in der Schulter). Lautstark griff der 43-Jährige immer wieder in Übungen ein, forderte Konzentration bei den Passübungen und zeigte energisch freie Räume an, in die seine Spieler das Spiel verlagern sollten. „Es sind ein paar Dinge, die uns wichtig sind und auf die wir schon jetzt die Aufmerksamkeit lenken wollen“, erklärte er. Es gehe um die Spielfortsetzung im Zentrum, „darum mutig zu sein und permanent den Ball haben zu wollen“.

Der Wunsch nach einem offensiveren Spielstil, nach einem gewissen Spektakel, ist bei den Berlinern groß. Zwar stand Hertha in der viereinhalbjährigen Amtszeit von Covic’ Vorgänger Pal Dardai defensiv stabil und etablierte sich in der Bundesliga. Aber eine spielerische Weiterentwicklung war vergangene Saison nicht mehr zu sehen. Die Stagnation veranlasste Manager Michael Preetz, den Trainer zu tauschen.
Covic weiß um die Aufgabe, will nach seinem Aufstieg vom blau-weißen Jugend- zum Cheftrainer einen attraktiveren Fußball spielen lassen. „Wir wollen auf dem Platz agieren und eine gewisse Flexibilität mitbringen, um auf jede Spielsituation reagieren und die Stärken der Spieler optimal nutzen zu können“, erklärte er bereits bei seiner Vorstellung am Montag. „Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Junge Spieler zu zügeln, ist schwierig. Ich möchte die Jungen gern von der Leine lassen. In welchem System sich die Mannschaft am wohlsten fühlt, wird sich zeigen.“

Zeit für den Drill Instructor

Um den Gegnern sein Spiel aufzuzwingen und permanent unter Druck zu setzen, benötigt Covic’ Team einen exzellenten Fitness-Zustand. Daran wird seit Mittwoch zweimal täglich in der Brandenburger Idylle gearbeitet. Wie schon in den Vorjahren sorgt Athletiktrainer Henrik Kuchno, der aufgrund seiner Methoden als „Drill Instructor“ bei den Profis gleichermaßen beliebt wie gefürchtet ist, besonders nachmittags für die physischen Grundlagen. „Nach den sieben Tagen in Neuruppin werden Henrik und ich die Jungs hinkriegen“, sagt Covic mit einem Grinsen im Gesicht, wohlwissend, dass die Kondition der Blau-Weißen in der vergangenen Spielzeit in der Kritik stand. In den Kategorien „Laufstrecke pro Spiel“ und „Sprints pro Spiel“ rangierte Hertha nur im Tabellenkeller der Bundesliga. Anders als sein Vorgänger, verschiebt Covic die Leistungsdiagnostik nach hinten. Erst nach der Schufterei in der Fontane-Stadt sollen die typischen Tests folgen. „Dann sehen wir, ob unsere Methoden greifen oder nicht.“

Die Vormittagseinheiten wird Covic dagegen nutzen, um seine Spieler noch besser kennenzulernen. Für einige Profis gilt es dabei, schon jetzt Akzente zu setzen. Denn auf Covic kommen noch einige knifflige Entscheidungen zu. Mit insgesamt 31 Spielern ist der Kader derzeit zu groß. Leistungsträger wie Karim Rekik, Niklas Stark, Marko Grujic oder Ondrej Duda haben im Vorjahr ihre Klasse bewiesen und dürften auch unter Covic gesetzt sein.

Spannung in der Innenverteidigung

Spannend wird es in der Innenverteidigung. Der 28 Jahre alte belgische Nationalspieler Dedryck Boyata, ablösefrei von Celtic Glasgow gekommen, erhebt genauso Ansprüche dem Stammduo Rekik/Stark den Rang abzulaufen wie das Eigengewächs Jordan Torunarigha, 21. Auch das Duell auf der linken Abwehrseite zwischen Marvin Plattenhardt, 28, und Maximilian Mittelstädt, 22, der aufgrund seiner U21-EM-Teilnahme erst Mitte Juli in die Saisonvorbereitung einsteigt, dürfte offen sein.

Besonderes Gedränge herrscht im Mittelfeld. Das weiß auch Vladimir Darida. Der Tscheche verlor im vergangenen Jahr aufgrund von Knieproblemen seinen Stammplatz an Grujic und Youngster Arne Maier. Aus dem Trainerwechsel schöpft Darida nun neue Hoffnung. „Wir starten wieder bei null. Das ist jetzt ein Reset für alle Spieler. Ich werde die nächsten Wochen im Training kämpfen“, erklärt der 28-Jährige. Doch auch Darida weiß, dass die teaminterne Konkurrenz mit der Verpflichtung von Mittelstädts DFB-Kollegen Eduard Löwen, den Preetz für sieben Millionen Euro von Erstliga-Absteiger 1. FC Nürnberg an die Spree lotste, und der Vertragsverlängerung von Routinier Per Skjelbred, 32, noch größer geworden ist.

Sonderfall Esswein

Eng wird es auch für Alexander Esswein. Der Flügelspieler kehrte nur von Bundesliga-Absteiger VfB Stuttgart zurück, weil die Schwaben die Relegation gegen den 1. FC Union verloren und die Kaufpflicht nicht für die Zweite Liga galt. „Das war kurios, aber das habe ich abgehakt“, sagt Esswein.

Um sich von allen Spielern auch unter Wettkampfbedingungen ein Bild zu machen, verkündete Covic, dass beim einzigen Test im Stadion des MSV Neuruppins gegen Drittligist Eintracht Braunschweig am Sonntag drei Halbzeiten über jeweils 40 Minuten gespielt werden.