München - Die Wohlfühlzone im Leben von Gerd Müller umfasste 665,28 Quadratmeter. Denn als Fußballer war der 1,76 Meter große Stürmer der König des Sechzehnmeterraums. Wenn der „Bomber der Nation“ in Tornähe an den Ball kam, hat es meistens Bumm gemacht.

Kein deutscher Angreifer vor und nach ihm erreichte seine Klasse. Keiner erzielte so viele Tore. Es müllerte in praktisch jedem Spiel. Der Strafraumstürmer erledigte seinen Job in den Stadien auf unnachahmliche Weise: Er traf blitzschnell aus der Drehung, im Fallen, im Sitzen, mit links oder rechts, mit dem Kopf. Der Sechzehner war sein Reich. 

Oliver Kahn: „Gerd wird für immer in unseren Herzen sein“

Am frühen Sonntagmorgen ist Müller im Alter von 75 Jahren gestorben, wie sein einstiger Verein mitteilte. „Heute steht die Welt des FC Bayern still“, äußerte Vereinspräsident Herbert Hainer. „Die Nachricht von Gerd Müllers Tod macht uns alle tief betroffen. Er ist eine der größten Legenden in der Geschichte des FC Bayern, seine Leistungen sind bis heute unerreicht und werden auf ewig Teil der großen Geschichte des FC Bayern und des gesamten deutschen Fußballs sein“, sagte der Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn. „Gerd wird für immer in unseren Herzen sein.“

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Weltmeisterschaft 1974: Nach dem Sieg über die Niederlande stemmt Gerd Müller den WM-Pokal in die Höhe.

„Gerd Müller war der allergrößte Stürmer, den wir in Deutschland hatten“, hatte der frühere Bundestrainer Joachim Löw 2015 zum 70. Geburtstag des Torjägers gesagt. Dieses Urteil gilt über seinen Tod hinaus. Schon der damalige Ehrentag des Weltmeisters (1974), Europameisters (1972) und des mit Abstand erfolgreichsten Bundesliga-Torschützen (365 Tore in 427 Partien) musste ohne große Feier begangen werden. Der traurige Grund: Gerd Müller hatte Alzheimer. Er lebte seit Jahren in einem Pflegeheim. Das Schicksal des von vielen nur „Bomber“ genannten Müller berührte über die Fußballszene hinaus viele Menschen.

Zum 75. Geburtstag sprach Uschi Müller über den Gesundheitszustand ihres Mannes. „Er ist immer ein Kämpfer gewesen, war immer tapfer, sein ganzes Leben lang. Das ist er auch jetzt. Der Gerd schläft seinem Ende entgegen“, schilderte sie. Uli Hoeneß nannte das Los des alten Kameraden furchtbar. Für den Vereinspatron des FC Bayern war „der Gerd“ stets mehr als ein großartiger Fußballer. Er vor für ihn vor allem „ein feiner Mensch“.

Gerd Müller besiegte seine Alkoholkrankheit

Hoeneß, der in den großen Bayern-Zeiten in den 1970er Jahren an der Seite Müllers stürmte, zählte zu denen, die auch in der größten Lebenskrise des Profis da waren und halfen. Denn das Leben abseits des Rasens beherrschte Müller nicht derart wie den Ball und die Vorstopper im Strafraum.

Der Sieg über seine Alkoholkrankheit Anfang der 1990er Jahre war der vermutlich wichtigste im Leben des gelernten Webers aus Nördlingen. „Nach vier Wochen bin ich aus der Kur gekommen. Es in so kurzer Zeit zu schaffen, das war schon eine Leistung“, erzählte Müller im Herbst 2007 stolz. Damals wirkte er als Co-Trainer der Bayern-Amateure an der Seite von Hermann Gerland.

WM-Viertelfinale 1970 in Mexiko: Gerd Müller trifft in unnachahmlicher Manier in der Verlängerung zum 3:2-Sieg gegen England. 

Das Tor für die Ewigkeit schoss er am Ende seiner viel zu früh beendeten DFB-Karriere. Im WM-Finale 1974 erzielte er im Münchner Olympiastadion das 2:1 gegen die Niederlande. „Ich habe schönere Tore gemacht, aber das wichtigste war dieses Weltmeistertor“, sagte er.

Wenn Müller nach seiner Karriere, die 1982 in den USA ausgeklungen war, seinen Nachfolgern zusah, stellte er sich die immer gleiche Frage, wenn ein Schuss nicht im Tor landete. „Hättest du den reingemacht?“ Vermutlich ja. Müllers 40 Tore in der Saison 1971/72 waren fast ein halbes Jahrhundert Bundesligarekord. Vorige Saison übertraf ihn Bayern-Torjäger Robert Lewandowski. Der Pole schaffte 41 Treffer. Er grüßte seinen Vorgänger mit einem T-Shirt-Aufdruck, auf dem stand: „4ever Gerd“.