Viele Ukrainer betrachteten Anatolij Tymoschtschuk als Botschafter ihres Landes. Der Fußballer hatte für die Ukraine 144 Länderspiele bestritten – ein nationaler Rekord, der noch lange bestehen dürfte.

Nach seiner Karriere zog Tymoschtschuk 2016 nach St. Petersburg und wurde Assistenztrainer bei Zenit, dem Lieblingsklub von Wladimir Putin. Auch nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf seine Heimat wollte Tymoschtschuk sich nicht von Russland distanzieren. Und so erteilte ihm der ukrainische Fußballverband ein lebenslanges Verbot für Fußballtätigkeiten in der Ukraine. Einige Medien bezeichneten ihn als russischen Spion.

Tymoschtschuk ist nur ein Beispiel für die politischen Ausrufezeichen, die im ukrainischen Fußball gesetzt werden. Die wichtigste Botschaft soll in den kommenden Tagen verbreitet werden: In zwei entscheidenden Play-off-Spielen möchte sich die ukrainische Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar qualifizieren.

Dafür muss sie an diesem Mittwoch in Schottland gewinnen und anschließend am Sonntag in Wales. Für die Ukrainer wäre das Erreichen der globalen Fußballbühne ein Zeichen der Eigenständigkeit. Eine erstaunliche Wende in der langen und gemeinsamen Fußballgeschichte von Ukrainern und Russen.

Seit Generationen prägen Patriotismus und Nationalismus den Fußball. Das war schon in der Sowjetunion so, als die Ukraine am Rand des Vielvölkerstaates lag, im Fußball aber das Zentrum bildete. Zwischen 1961 und 1990 gewann Dynamo Kiew 13-mal die sowjetische Meisterschaft, zweimal den Europapokal der Pokalsieger.

Eine erbitterte Fußball-Rivalität zwischen Kiew und Donezk

„Viele Menschen in der Ukraine fühlten sich durch das Zentrum in Moskau dominiert“, sagt die ukrainische Historikerin Kateryna Chernii. „Kiew war eine russifizierte Stadt, doch der Fußball prägte eine ukrainische Identität.“

In der UdSSR unterdrückte der Kreml Traditionen der Teilrepubliken. Auch in Kiew wurde überwiegend Russisch gesprochen, das Ukrainische galt als „subversiv“. Rund um die ukrainischen Stadien von Dynamo Kiew, Schachtar Donezk oder Dnipro Dnipropetrowsk achteten die Sicherheitskräfte auf das Verhalten der Fans. Fahnen, Spruchbänder und Vereinsschals waren verboten.

„Es gab eine erbitterte Fußball-Rivalität zwischen Kiew und Donezk“, berichtet Thomas Urban, der als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung in Osteuropa tätig war. „Doch wenn es gegen Moskauer Mannschaften ging, verbündeten sich die ukrainischen Fanlager.“

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Eine Sängerin singt vor dem Freundschaftsspiel der Ukraine gegen Borussia Mönchengladbach im Mai 2022 die ukrainische Nationalhymne.

Briefe von Fans voller Abneigung gegen Moskau

Die Zensur verhinderte, dass nationalistische Spannungen im Fußball an die Öffentlichkeit gerieten. Inzwischen zeigen Forschungen, wie Fans ihre Abneigung gegenüber Moskau zum Ausdruck brachten. In Briefen und Telegrammen an Lokalzeitungen und Behörden schimpften sie gegen Schiedsrichter aus der Hauptstadt. Oder sie forderten mehr Geld für Dynamo Kiew. Zahlreiche Briefe wurden auf Ukrainisch verfasst, was damals ungewöhnlich und unerwünscht war, sie durften nicht veröffentlicht werden.

In Kiew profitierten Fußball und Politik voneinander. Die Erfolge von Dynamo Kiew fielen auf Vladimir Schcherbizkij zurück. Der Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Ukraine war Fußballfan und setzte sich für die Unterstützung von Dynamo ein.

Der Erfolgstrainer Walerij Lobanowskyj, so hieß es, sei auch ohne Anmeldung zu Schcherbizkij vorgelassen worden, schreibt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch im Sammelband „Totalniy Futbol“: „Selbst Minister mussten stundenlang auf eine Audienz warten, während Loban mit dem Boss die materiellen Probleme des Klubs und der Mannschaft erörterte.“

Mit wissenschaftlichen Methoden führte Walerij Lobanowskyj Dynamo Kiew in den 1970er-Jahren ins Spitzenfeld. Als legendär gilt der Gewinn des Europäischen Supercups 1975 gegen den FC Bayern, bei dem sich Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Karl-Heinz Rummenigge auf dem Höhepunkt ihres Schaffens glaubten. Mehr als 100.000 Fans freuten sich im Olympiastadion von Kiew über den 2:0-Sieg.

Für die Eliten in Moskau war das kein ukrainischer, sondern ein sowjetischer Triumph. Sie beriefen Walerij Lobanowskyj auch zum Trainer des sowjetischen Nationalteams. Lobanowskyj ließ die besten Spieler aus Kiew als Gerüst für die UdSSR spielen.

„Nur in Momenten des unzweifelhaften, überzeugenden Erfolges wurde er von Moskau anerkannt und unterstützt“, schreibt Juri Andruchowytsch. „Kaum erlitt er eine Niederlage, fiel Moskau schonungslos und schadenfroh über ihn her.“ Dreimal war Lobanowskyj Trainer der UdSSR, zweimal dauerte die Zeit nur einige Monate.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass der ukrainische Sowjetbürger Lobanowskyj seine erfolgreichste Zeit als Nationaltrainer während der Perestroika hatte, als sich Politik, Wirtschaft und Medien öffneten. 1988 erreichte die UdSSR das Finale der Europameisterschaft. Von den 20 Spielern stammten zehn von Dynamo Kiew. Das sowjetisch-ukrainische Fußballmodell galt als ein Favorit auf den Titel bei der Weltmeisterschaft 1990, scheiterte dann aber schon in der Vorrunde.

Spieler von Dynamo Kiew hissten 1990 auf dem Maidan die ukrainische Flagge

Die Aufmerksamkeit lag längst woanders, denn die Weltmacht zerfiel. Im Oktober 1990 gingen Studenten in Kiew in den Hungerstreik, sie machten sich für die Unabhängigkeit stark. Einige Spieler von Dynamo Kiew hissten auf dem Maidan ihre Vereinsfahne neben der blau-gelben Nationalflagge. Sie glaubten, dass die Ukraine als eigenständiger Staat besser dran sein würde, ihre Betriebe, ihr Getreideanbau und vor allem: ihr Fußball.

Anfang der 90er-Jahre fehlte auch im Fußball die Orientierung. Souverän hatte sich die Sowjetunion für die Europameisterschaft 1992 in Schweden qualifiziert, doch dann hörte ihr Staat auf, zu existieren. Und so spielte bei der EM – als Übergang – die Mannschaft der GUS, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten.

Auch dieses Team wurde von ukrainischen Spielern geprägt, von Oleh Kusnezow, Andrei Kantschelskis oder Sergei Juran. Inzwischen aber spielten sie nicht mehr für Dynamo Kiew, sondern für gutes Geld im Westen, für die Glasgow Rangers, Manchester United oder Benfica Lissabon. Der sowjetische Vorzeigetrainer Lobanowskyj hatte sich den Auflösungserscheinungen seiner Heimat entzogen und war 1990 Nationaltrainer der Vereinigten Arabischen Emirate geworden.

Nach der EM 1992 erhielt Russland die Erlaubnis, an der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1994 teilzunehmen. Die neue ukrainische Mannschaft durfte erst in der Qualifikation für die EM 1996 einsteigen. „Viele Ukrainer empfanden das als große Ungerechtigkeit“, sagt Kateryna Chernii, die am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam auch zur Transformation des ukrainischen Fußballs forscht. „Der ukrainische Fußballverband schickte Protestbriefe an die Fifa und die Uefa, aber die Entscheidung blieb bestehen.“ Der ukrainische Verband hatte so wenig Geld, dass er seinen Spielern kaum die Flugtickets zahlen konnte.

In der Sowjetunion kamen viele Nationalspieler aus gemischten Ehen, ihre Eltern stammten aus unterschiedlichen Teilrepubliken, aus Georgien, Belarus oder Aserbaidschan. Die Fifa stellte ihnen die Wahl für die Nationalteams der Nachfolgestaaten frei.

Die Aussicht auf höhere Prämien führte dazu, dass einige sowjetisch-ukrainische Spieler die russische Staatsbürgerschaft annahmen, etwa Sergei Juran, aufgewachsen in Luhansk, im Osten der Ukraine. Viele Ukrainer bezeichneten ihn als Verräter, der seine eigene Identität aufgegeben habe.

Andere Spieler, die auf das Ende ihrer Karriere zugingen, lehnten das Angebot aus Russland ab, zum Beispiel Oleksij Mychajlytschenko, prägender Spieler der UdSSR bei der EM 1988. Die Forscherin Kateryna Chernii sagt: „Viele Menschen in der Gesellschaft mussten damals ehrlich zu sich sein: Wer sind wir? Wo werden wir leben? Wie werden wir leben?“

In den Neunzigern teilten sich einflussreiche Männer in der Ukraine die Konkursmasse des Kommunismus auf. Einer von ihnen, Grigoriy Surkis, hatte im Wohnungsbau-Kombinat in Kiew gearbeitet. Nach der Unabhängigkeit investierte er in Erdöl, Banken, Landwirtschaft. Woher sein Geld stammte, ist unklar.

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Match gegen den Krieg in Nordrhein-Westfalen: Fans beim Testspiel der ukrainischen Nationalmannschaft in Mönchengladbach im Mai 2022.

Surkis kaufte 1993 seinen Lieblingsklub Dynamo Kiew und übernahm als Präsident den ukrainischen Fußballverband. In der Politik wollte er auch mitmischen. Und so sorgte er dafür, dass 1998 die Spieler von Dynamo der Sozialdemokratischen Partei beitraten. Wenige Monate später spielte übrigens das ukrainische Nationalteam in der Qualifikation für die EM 2000 gegen Russland. Surkis begrüßte auf der Tribüne auch Wladimir Putin, der gerade zum russischen Ministerpräsidenten ernannt wurde.

Grigoriy Surkis und sein ebenfalls schwerreicher Bruder Igor machten aus dem Fußball ein Werkzeug der Oligarchen für Einfluss in Wirtschaft und Politik. Sie waren nicht die Einzigen: Im Osten der Ukraine führte der Rohstoffmilliardär Rinat Achmetow den Klub Schachtar Donezk 2009 zum Gewinn des Uefa-Pokals. Bei den Siegesfeiern zeigte sich auch Viktor Janukowitsch, ein Vertrauter Putins, der sich für das Präsidentenamt in der Ukraine in Stellung brachte.

Surkis, Achmetow und Janukowitsch wollten sich als weltoffene Staatsmänner präsentieren, als die Ukraine 2012 mit Polen die Europameisterschaft austrug. Jeweils fünf Spiele fanden in Kiew und Donezk statt. Die Donbass-Arena in Donezk war für fast 200 Millionen Euro errichtet und erst 2009 eröffnet worden. Kateryna Chernii engagierte sich 2012 als Helferin in Kiew: „Das war einer der besten Monate meines Lebens. Die Euro hat den Ukrainern ein Gemeinschaftsgefühl beschert.“

Verblasste Zeiten. Das Stadion in Donezk wurde während des Krieges von Bomben beschädigt. Der russische Fußballverband wollte 2015 die Profiklubs von der Krim aus Simferopol und Sewastopol dem russischen Spielbetrieb eingliedern, um die Gebietsansprüche des Kreml zu unterstreichen, aber der europäische Fußballverband Uefa untersagte das. Seither gingen zahlreiche ukrainische Vereine ins Exil. Die Jugendakademie von Schachtar Donezk wurde nach Kroatien verlegt.

Seit Beginn des Angriffskrieges ist der Fußball ein noch stärkerer Teil der Propaganda. Das ukrainische Nationalteam und Klubs wie Dynamo Kiew sind seit Wochen für Freundschaftsspiele in Europa unterwegs, auch in Dortmund oder Mönchengladbach. Spieler werben um Solidarität und Spenden.

Zeitgleich schließen sich Hunderte Hooligans und Ultras ukrainischer Klubs den Freiwilligen-Bataillonen an der Front an. „Wir sind bereit, zu kämpfen. Wir töten alle Besatzer, die in unser Land kommen“, schrieben Fans von Dynamo Kiew nach Beginn der Invasion. „Die Ukraine ist ein Schutzschild für Europa. Gemeinsam sind wir eine Macht.“

Dass Ukrainer und Russen eine gemeinsame Fußballgeschichte haben, wird heute in beiden Ländern kaum noch thematisiert. Im Gegenteil: Seit Jahrzehnten streiten sie um historische Deutungen. Ein Beispiel ist das sogenannte Todesspiel 1942 während der deutschen Besatzung in Kiew. Damals gewann ein Team mit früheren Spielern von Dynamo Kiew gegen eine Auswahl der deutschen Flugabwehr. In der Sowjetunion wurde in einem Spielfilm verbreitet, dass die Kiewer Spieler von der SS erschossen wurden.

Diese Behauptung wurde später widerlegt. Dennoch erschien vor der Europameisterschaft 2012 eine Neuauflage des Films über das „Todesspiel“, gedreht in Moskauer Filmstudios. „Die Menschen, die in diesem Film Ukrainisch sprechen, werden als Kollaborateure der Nazis dargestellt“, erklärt Thomas Urban. „Und alle, die Russisch reden, gelten als gute Bürger.“ In den ukrainischen Kinos wurde dieser Film aus Moskau untersagt.

Aktuell könnte der Fußball den Menschen in der Ukraine etwas Hoffnung geben. An diesem Mittwoch möchte die ukrainische Nationalmannschaft einen wichtigen Schritt gehen, um sich für die WM in Katar zu qualifizieren. Das russische Team ist ausgeschlossen worden. Für die Ukraine wäre die WM, sagt die Forscherin Kateryna Chernii, nicht nur ein Zeichen der Zuversicht, sondern auch ein Symbol der Eigenständigkeit.