Berlin - Tony Martin schaute vor dem Monitor gespannt auf die furiose Fahrt der Golden Girls von Tokio, dann fiel er seinen Teamkollegen in die Arme. Im letzten Rennen seiner glorreichen Karriere hat Routinier Martin die deutschen Radsportler zum WM-Titel geführt und damit ein finales Highlight gesetzt. Das deutsche Sextett mit Martin, Nikias Arndt, Max Walscheid sowie den Olympiasiegerinnen Mieke Kröger, Lisa Klein und Lisa Brennauer ließ im Zeitfahr-Mixed am Mittwoch in Flandern alle anderen Nationen hinter sich und sicherte dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) das erste WM-Gold seit 2016. Auf den 44,5 flachen Kilometern von Knokke-Heist nach Brügge komplettierten Niederlande und Italien die Medaillenränge.

„Es ist ein Traum, mit WM-Gold zu gehen. Wir haben auf Gold gehofft, jetzt ist der Traum wahr geworden. Nun ist Zeit zu feiern“, sagte Martin nach seinem letzten Coup. Lisa Klein fügte hinzu: „Wir sind alle über das Limit gegangen. Das ist atemberaubend. Das ist so eine Ehre, mit Tony zu fahren. Das ist ein Geschenk für ihn.“

Für Martin, der 2011, 2012, 2013 und 2016 viermal Weltmeister im Einzelzeitfahren wurde, ist es ein Traumabschied aus dem Profisport. „Gerade die Chance auf Gold ist wesentlich größer. Eine Medaille sollte drin sein“, hatte der 36-Jährige schon vor dem erst vor zwei Jahren eingeführten WM-Event betont. Damals gab es Silber hinter den Niederlanden, die sich in dem Modus mit zwei Trios vor allem auf ihre überlegenen Frauen verlassen können. Für den BDR ist es die zweite Medaille bei diesen Titelkämpfen, nachdem Antonia Niedermaier am Dienstag Bronze bei den Juniorinnen holte.

Der von schweren Stürzen geplagte Martin hatte am Sonntagmorgen angekündigt, seine Laufbahn nach der WM zu beenden und damit auch seinen bis 2022 gültigen Vertrag bei Jumbo-Visma nicht mehr zu erfüllen. Um sich die Möglichkeit auf ein glänzendes Ende mit Edelmetall zu geben, verzichtete Martin auch aufs Straßenrennen. Der Plan ging auf: Völlig erschöpft und verschwitzt saß er auf dem Asphalt, erst danach herzte er nach der Zwischenbestzeit seine Teamkollegen.

An einem herrlichen Septembertag zeigte sich auf dem flachen Kurs vom Küstenort hinein nach Brügge, was Martin auch im Alter von 36 Jahren noch so wertvoll macht. Der Spitzname „Panzerwagen“, der sich auf Martins beeindruckende Zeitfahr-Künste bezieht, hatte bis zum letzten Profiwettbewerb seine Berechtigung. Martin, der beim sechsten Rang im Einzelzeitfahren schon von seinen Gefühlen übermannt wurde, überließ beim allerletzten Kapitel nichts dem Zufall. Schon in der Morgensonne war das deutsche Männertrio parallel zur Küste durch Knokke-Heist gestrampelt. Angeführt – natürlich – von Spezialist Martin, der für seine weitere Zukunft noch keine konkreten Pläne hat.