Die Fankurve, in der Igor Kovtun und seine Freunde sich heimisch fühlten, musste dem Krieg weichen. Ihr Verein Sorja Luhansk floh aus dem Osten der Ukraine. Prorussische Separatisten hatten ihre Heimatstadt in eine „Volksrepublik“ verwandelt. Sorja bestreitet seine Heimspiele nun im südlichen Saporischschja oder im 1300 Kilometer entfernten Lwiw. Viele proeuropäische Fans haben die Industriestadt Luhansk verlassen, sie waren von russischen Truppen bedroht und attackiert worden.

„Mein Verein wurde für mich noch wichtiger, weil er ein starkes Symbol für unsere Stadt ist“, sagt der IT-Entwickler Kovtun, der nun im zentralukrainischen Poltawa lebt. „Über den Fußball können wir uns mit Luhansk identifizieren, das stärkt unser Gemeinschaftsgefühl.“

Am Sonnabend treffen Madrid und Liverpool im Finale der Champions League in Kiew aufeinander. Im Osten der Ukraine sind nach UN-Angaben 10.000 Menschen getötet worden. Zwei Millionen sind geflohen, innerhalb ihrer Heimat, auch nach Polen und Weißrussland. Drei Wochen vor der WM in Russland lenkt das Endspiel die Aufmerksamkeit auf eine Krise, über die in Europa nicht mehr allzu viel berichtet wird.

Dabei gehören Schicksale wie jenes von Kovtun zum Alltag. 2014, im Alter von 23 Jahren, hatte er Luhansk verlassen, kurz nach der Annexion der Krim. Wie andere Ultras schloss er sich der ukrainischen Armee an. Die Fankultur sei eine Plattform für Patriotismus, sagt Kovtun, selbst rechte Fans überdächten ihre Haltung: „Viele Ultras haben eingesehen, dass nicht Menschen mit anderer Hautfarbe für ihre Probleme verantwortlich sind, sondern dass die durch Korruption und Machtmissbrauch verursacht wurden.“

Für Freilassung demonstriert

Auf Einladung des Fußballkulturvereins „Gesellschaftsspiele“ erzählte Kovtun bei einer Veranstaltung in Berlin auch über eine Aufbruchsstimmung: „Viele junge Leute sind zu Hause ausgezogen und haben eigene Geschäftsideen entwickelt. Ein pragmatischer Weg.“ Eine Zäsur war der Euromaidan ab November 2013. An den Bürgerprotesten gegen den damaligen prorussischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch beteiligten sich auch Fußballfans. Rechte Hooligans von Dynamo Kiew und linke Ultras von Arsenal Kiew schützten Demonstranten vor Regierungstruppen.

Viele von ihnen leben seitdem gefährlich, weil sie auf „schwarzen Listen“ der Separatisten stehen. Die Fangruppen lassen seither ihre Rivalität ruhen. Sie unterstützen verstärkt die Nationalmannschaft und singen mit Inbrunst die Hymne. „Die Gruppen haben mehr Kontakt miteinander“, sagt der Journalist und Osteuropa-Experte Thomas Dudek. „Als Ultras von Sorja Lugansk im Gefängnis saßen, wurde in allen Stadien für ihre Freilassung demonstriert.“

Seit dem Krieg in der Ost-Ukraine ist der Zuschauerschnitt in den Stadien weiter gesunken. Ein erfolgreicher Verein wie Metalist Charkiw verschwand ganz. Der Besitzer hatte sich wegen Korruptionsvorwürfen nach Russland abgesetzt. Charkiw ist nun Exilspielstätte von Schachtar Donezk, dem erfolgreichsten Klub der Ost-Ukraine. Etliche Ultras aus Donezk waren in der ukrainischen Armee. Oft seien sie traumatisiert und radikalisiert, sagt Osteuropa-Aktivist Ingo Petz: „Mittlerweile versuchen auch rechtsextreme Parteien, Ultras für sich zu gewinnen. Leider haben Vereine und Staat kein Interesse an den jungen Fans.“

Traum vom echten Heimspiel

In Berlin finden seit 2014 Seminarwochen statt, mit ukrainischen, russischen sowie weißrussischen Fans und Journalisten. Verantwortlich dafür ist die „Fankurve Ost“, ein Projekt innerhalb des Vereins „Deutsch-Russischer Austausch“. Ingo Petz ist einer ihrer Gründer und diskutiert mit den Teilnehmenden über Möglichkeiten der Teilhabe. Die Klubs, die von Staatskonzernen und Oligarchen gelenkt werden, lassen diese selten zu.

In Deutschland sind viele Fangruppen politisch aktiv, durch Proteste, Gedenkstättenfahrten, Vortragsabende. In Osteuropa ist das so noch undenkbar. „Der Begriff des Politischen ist dort verbrannt“, sagt Ingo Petz. Ob in Russland unter Putin, in Weißrussland unter Lukaschenko und in der Ukraine noch unter Janukowytsch: Die Zivilgesellschaft gilt als Gegnerin, nicht als Partnerin des Staates. Und die Regime schauen mit Sorge auf die Mobilisierungskräfte der Ultras.

Die „Fankurve Ost“ betrachtet den Gestaltungswillen der Fans dagegen als Chance. „Mit Hilfe des Fußballs erreichen wir Leute, die noch nicht in zivilgesellschaftlichen Filterblasen unterwegs sind“, sagt Ingo Petz. Ukrainische Teilnehmer der „Fankurve Ost“ schreiben Artikel, drehen Filme, entwickeln Projekte: Für die Resozialisierung von jungen Strafgefangenen oder Übernachtungsmöglichkeiten nach dem Champions-League-Finale.

Für Igor Kovtun steht das Endspiel nicht im Vordergrund. Als er 2014 seine Heimatstadt Luhansk wegen des Krieges verlassen musste, hoffte er auf eine Rückkehr wenige Wochen später. Vier Jahre sind inzwischen vergangen, die Wirtschaftskrise schwelt, und die Ultras können sich oft nur jede zweite oder dritte Partie von Sorja leisten. Igor Kovtun träumt von Heimspielen, die diesen Namen auch verdienen.