Trotz Hertha-Niederlage in Dortmund : Indizien für eine gute Saison

Dortmund/Berlin - Die Nacht war kurz, die Heimreise mit dem Zug beschwerlich, doch Pal Dardai hatte am Morgen nach der Niederlage  wieder gute Laune. Wobei Herthas Trainer bereits nach dem Abpfiff in Dortmund nicht den Anschein erweckt hatte, als würde er großartig mit dem 0:2 (0:1) seiner Mannschaft hadern. Warum auch? Mit dem Auftritt war er grundsätzlich zufrieden, auch wenn seine Taktik nicht aufging. Schuld daran war in erster Linie  das frühe Gegentor, das ihn dann doch ärgerte.

Eindringlich hatte Dardai seine Mannschaft vor der schnellen und überfallartigen Spielweise der Borussen gewarnt – zunächst vergebens. Schon in der 15. Minute ließen Mathew Leckie, Mitchell Weiser und Niklas Stark  die geforderte Aufmerksamkeit vermissen. Der eine verlor einen Zweikampf und die anderen beiden schauten nur zu, wie Nuri Sahin aus dem Halbfeld eine Flanke Richtung Elfmeterpunkt schlug. „Das Timing passt natürlich, wenn dich keiner stört“, sagte Dardai. Am Ende der Fehlerkette hatten Innenverteidiger Karim Rekik und Torwart Rune Jarstein das Nachsehen gegen Pierre-Emerick Aubameyang. „Das muss man besser verteidigen, mutiger und aggressiver sein. Solange der Ball nicht kontrolliert ist, musst du angreifen und den Zweikampf führen“, sagte Dardai. „Wir haben nur zugeguckt, anstatt nach vorne zu verteidigen.“

Mit dem Gegentor war Dardais Matchplan dahin. Sechzig Minuten wollten sie sicher stehen, um den BVB dann in der letzten halben Stunde mit Balleroberungen und Konterspiel zu ärgern. Vladimir Darida und Per Skjelbred stimmten zu. „Wir haben das Tor zu früh bekommen. Danach war es schwer“, sagten die Mittelfeldspieler unisono.

Harmlosigkeit vor dem Tor

Um der enormen offensiven Qualität der Dortmunder etwas entgegenzusetzen, hatte Dardai seine im Pokalspiel in Rostock und zum Ligastart  gegen Stuttgart (beide 2:0) erprobte 4-4-2-Formation gegen das aus dem Vorjahr bewährte 4-2-3-1-System umgebaut. U21-Europameister  Stark sollte der Defensive in seinem ersten Startelfeinsatz der Saison mehr Stabilität verleihen. Für ihn musste Alexander Esswein weichen, so dass Kapitän Vedad Ibisevic im Sturm ein Déjà-vu aus der Vorsaison erlebte, weil  er mal wieder den Alleinunterhalter spielen musste.

Dass die Herthaner in der zweiten Halbzeit erst mitspielten, als Sahin mit einem sehenswerten Dropkick von der Strafraumkante (50.) schon fast alles klargemacht hatte, lag daran, dass die Mannschaft „nicht gierig genug“ war, wie ihr Trainer befand. „In der zweiten Hälfte haben wir uns  einige Chancen erspielt. Aber für uns wird es schwierig, wenn Vedad und Salomon Kalou kein Tor machen“, analysierte Dardai die Harmlosigkeit vor dem gegnerischen Tor treffend.

Dafür sollen zukünftig die noch verletzten Zugänge Davie Selke und Valentino Lazaro sorgen. Während Selke noch eine Weile brauchen wird, könnte Lazaro nach der Länderspielpause  zum Heimspiel gegen Bremen  eine Option sein.

Auch deswegen schaut Dardai lieber nach vorne als zurück. Zu viel Bedeutung will der Ungar dem Spiel gegen den BVB  sowieso nicht zukommen lassen. „In Dortmund werden noch viele Mannschaften verlieren. Wir haben gegen eine  Champions-League-Mannschaft gespielt. Wenn die umschalten, hilft nur der Liebe Gott, der Torwart oder Glück.“ Indizien, dass die Berliner auch ohne höhere Mächte wieder auf eine sorgenfreie Saison blicken können, fand Dardai genügend.  Einstellung und Disziplin seiner Kicker hätten gestimmt. „Wir haben eine gute Basis“, lobte der Chef.

Die gute Basis wird nötig sein, um das straffe Programm bis Weihnachten zu meistern. Nach dem Spiel gegen Bremen steht der Europa-League-Auftakt gegen Athletic Bilbao an, danach geht es fast im  Dreitagesrhythmus weiter. „Wir müssen die Punkte gegen Bremen holen“, forderte Dardai, für den Werder vielmehr ein Gradmesser ist als der BVB.