Endlich wieder vor Zuschauern: Altglienickes Sebastian Breitkreuz (Mitte, oben) konnte sich nicht nur in diesem Kopfballduell, sondern auch am Ende bei Lichtenberg 47 durchsetzen.
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BerlinGut eine Stunde vor Spielbeginn wurde die Schlange der Fans in der Rusche-Straße in Lichtenberg immer länger. Geduldig und auf Abstand achtend warteten die Anhänger des Regionalligisten Lichtenberg 47 – viele waren in ihren roten Vereinstrikots gekommen – auf Einlass in die Howoge-Arena „Hans Zoschke“. Am Eingang regulierten Ordner mit Mund-Nasen-Schutz die Fan-Bewegungen, Absperrgitter, die eine Schleuse bildeten, wiesen den Weg zur Tribüne. Jeder Zuschauer musste sich die Hände desinfizieren sowie in eine Liste eintragen, damit bei eventuellen Corona-Fällen die Nachverfolgung möglich ist. Schon Tage vor dem Spiel konnten die Anhänger ihre Tickets im Vorkauf erwerben, um noch längeres Anstehen zu vermeiden.

Die Lichtenberger Verantwortlichen um Manager und Vizepräsident Benjamin Plötz hatten beim zuständigen Gesundheitsamt ein schlüssiges Hygienekonzept eingereicht, um endlich Spiele mit Publikum durchführen zu können. „Das wurde mit zwei, drei kleinen Nachbesserungen von der Behörde für gut befunden“, sagt Geschäftsführer Henry Berthy. Der Aufwand ist enorm und der zusätzliche finanzielle Bedarf noch nicht genau zu beziffern.

Zuletzt am 8. Dezember im Wohnzimmer

Die Vorfreude der Anhänger – 2019/20 kamen im Schnitt 740 Zuschauer ins Zoschke – auf Live-Fußball der mit etlichen Zugängen verstärkten Mannschaft von Trainer Uwe Lehmann war riesengroß. Immerhin hatte das Team zum Ligaauftakt in der vorherigen Woche bei Energie Cottbus überraschend mit 2:1 gewonnen. Kurios: Das bis zum Dienstag letzte Heimspiel in der Liga im Zoschke, dem schmucken „Wohnzimmer“ der 47er, fand am 8. Dezember des vergangenen Jahres statt! 2:1 hieß es gegen den VfB Auerbach. Für einige Duelle musste das Team des damaligen Aufsteigers um die Jahreswende ins Poststadion nach Moabit ausweichen, weil zunächst der Tribünenabschnitt für die Gästefans im Zoschke nicht den strengen Sicherheitsauflagen des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) entsprach und danach das Coronavirus die Saison stoppte.

Die Fans, die nun in die Arena gelangten – am Ende waren es 642 zahlende Zuschauer und rund 150 Dauerkartenbesitzer – konnten sich über sichtbare Veränderungen freuen. Sämtliche Geländer waren in roter Farbe gestrichen, die Treppenzugänge in der Signalfarbe Gelb markiert, die Haupttribüne mit einem provisorischen Dach versehen. Die Trainerbänke, jahrelang dicht unterhalb der Haupttribüne gelegen, stehen nun aus Sicherheitsgründen auf der Gegenseite.

Für den Auftritt gegen den neuen Berliner Pokalsieger, die VSG Altglienicke, waren sämtliche Sitzplätze markiert worden. Je zwei Besucher durften nebeneinander sitzen, dann folgte ein freier Platz. Eine Reihe auf den Traversen blieb stets frei. Die Spieler setzten nach dem Aufwärmen auf dem Weg in die Kabinen, auch in der Pause und nach dem Abpfiff, ihren Mund-Nasen-Schutz auf. Kurz vor Beginn des gutklassigen Duells folgte die Durchsage des Stadionsprechers an die Fans: „Solltet ihr ab und an den Abstand nicht einhalten können, setzt bitte eure Masken auf!“

Auf den Stehplätzen hinter dem Tor nahe dem Kabinenkomplex beobachteten Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Michael Grunst, Dauerkartenbesitzer bei 47, und Berlins Fußball-Präsident Bernd Schultz die Szenerie in der Hoffnung, dass alle Konzepte greifen. Die Zuschauer verhielten sich diszipliniert, hielten den geforderten Abstand so gut es ging, während unten auf dem Rasen der oft beinharte Zweikampf gesucht wurde.

Die Gastgeber begannen furios, erspielten sich zwei, drei Großchancen gegen den Favoriten und Aufstiegsanwärter, verloren aber schon nach 28 Minuten ihren starken Kapitän David Hollwitz nach einer Verletzung. „Wir hatten in der ersten Halbzeit kaum Bewegung im Spiel“, monierte VSG-Trainer Karsten Heine, „wir wussten, wir treffen auf eine gut organisierte Lichtenberger Mannschaft. Später haben wir um den Rückstand gebettelt.“ Es war Philip Einsiedel, der in seinem 116. Pflichtspiel für die 47er zum 1:0 traf (54.). Die Fans jubelten, schwenkten ihre Fahnen.

Der schnelle Außenspieler bekam vor Saisonbeginn sehr viele lukrative Offerten anderer Vereine, blieb aber Lichtenberg treu und verlängerte gar seinen Vertrag. Doch beinahe im Gegenzug schaffte die VSG den Ausgleich durch Paul Manske (56.). Sechs Minuten später war es Christian Skoda, dem das 2:1 für die Gäste gelang (62.). Danach musste der Lichtenberger Christian Gawe nach Foulspiel mit Rot vom Platz (67.), was das Duell endgültig kippen ließ. Der neue VSG-Spielmacher Tolgay Cigerci erzielte das dritte Altglienicker Tor (80.), Einsiedel verkürzte in der turbulenten Schlussphase auf 2:3 (84.), ehe Tugay Uzan den 4:2-Siegtreffer für den Landespokalsieger markierte (86.). Die späte Gelb-Rote Karte gegen Oliver Hofmann (90.) hatte auf das Spielgeschehen keinen Einfluss mehr.

Vier Spiele, vier Siege

Die Freude über den Erfolg hielt sich bei Altglienickes Trainer Heine in Grenzen: „Das war zuerst absolut zu wenig von uns, aber in Überzahl wurde es dann eine eindeutige Sache. Die Mannschaft hat hohe Qualität, muss sie aber durchgängig zeigen.“ Die VSG hat ihre bisherigen vier Pflichtspiele nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs in Pokal und Liga gewonnen und dabei ein Torverhältnis von 18:5 erzielt.

Bevor Lichtenbergs Trainer Uwe Lehmann in die Analyse ging, lobte zuerst er die „vielen treuen Helfer, die endlich ein Spiel mit Zuschauern möglich gemacht haben. Altglienicke hat uns ernst genommen, leider konnten wir die Führung nicht halten.“ Trotz der Niederlage und der harten Schiedsrichterentscheidungen überwog bei Lehmann in seiner achten Saison als Trainer der 47er die Freude über das Erlebnis, vor Publikum gespielt zu haben: „Es wurde Zeit, und es war schön.“ Auch Karsten Heine stimmte zu: „Trotz der heftigen Auflagen in Sachen Hygiene hat man heute gesehen, es ist zu stemmen.“