Riga - Wenn der letzte Eindruck zählt, bleibt dann doch eine Enttäuschung für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft. Anstatt sich mit einer Bronzemedaille für zahlreiche aufopferungsvolle Auftritte zu belohnen, erlebte die Mannschaft von Bundestrainer Toni Söderholm einen grauenhaften Nachmittag und unterlag den Vereinigten Staaten mit 1:6 (0:1, 0:4, 1:1). Gerade im Mitteldrittel wirkte es so, als ob im einen oder anderen Kopf nach der Halbfinal-Niederlage diese WM in Riga bereits abgehakt war. „Es war kein guter Tag für uns, das ist schwer zu verkraften“, sagte Eisbären-Stürmer Marcel Noebels. 

Blicke ins Leere beim deutschen Team

Entsprechend geknickt stützten sich viele Kollegen auf ihre Schläger und blickten irgendwo ins Leere in der Hoffnung, eine Antwort zu finden auf die Frage, warum ausgerechnet der vermeintliche Höhepunkt dieses Turniers Tränen der Enttäuschung auslöste. „Wir haben so viel geopfert, das tut total weh“, sagte Korbinian Holzer. „Wir können darauf aufbauen, auch wenn es jetzt schwerfällt.“

Trotz dieses etwas irritierenden Abschlusses hat das DEB-Team den Aufwärtstrend der vergangenen Jahre untermauert. Musste man nach dem Sensationssilber bei den Olympischen Spielen 2018 noch befürchten, dass dieser Erfolg dem einzigartigen Geist von Gangneung zuzuschreiben war, lässt sich dreieinhalb Jahre später feststellen, dass Deutschland bis auf gelegentliche Ausrutscher zur Weltspitze gehört.

Bereits bei der Weltmeisterschaft 2019 wäre ein Halbfinaleinzug möglich gewesen. Nach einer beeindruckenden Gruppenphase (Platz drei) mit einem Sieg gegen den späteren Weltmeister Finnland scheiterte die Mannschaft von Toni Söderholm im Viertelfinale gegen Tschechien nicht nur am Gegner, sondern auch ein wenig an der fehlenden Überzeugung, einem Schwergewicht des internationalen Eishockeys den eigenen Stil aufdrücken zu können.

Made in Germany ist ein Qualitätsbegriff

Und obwohl die Coronapandemie auch diese Branche durcheinandergewirbelt hat, ist der besondere Geist dieser Mannschaft mit Ausnahme des Schlussakkords kein bisschen gewichen. Gerade in den vorherigen Schlüsselmomenten dieses Turniers konnten sich die Deutschen auf ihre Stärken und ihren Zusammenhalt verlassen. Gegen Gastgeber Lettland (2:1) sicherte sich die Mannschaft die Qualifikation für die K.-o.-Runde, im Viertelfinale sorgte Eisbären-Stürmer Marcel Noebels mit einem beeindruckenden Tor im Penaltyschießen für die Gelegenheit, um eine Medaille zu spielen. Dass der Goldtraum gegen Finnland platzte, lag an der einmal mehr erschreckenden Effizienz des finnischen Teams. 

„Ohne die ganz großen NHL-Stars kann Deutschland inzwischen gegen jedes Land gewinnen“, analysiert der Berliner Sportdirektor Stephane Richer. Allerdings, und das könnte sich bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr zeigen, muss Deutschland sich längst nicht mehr verstecken, wenn die besten Profis ihre Heimatländer verstärken. Denn mittlerweile ist die Eishockeyausbildung made in Germany ein Qualitätsbegriff, an dem die Teams der schillernden nordamerikanischen Profiliga NHL partizipieren wollen.

Leon Draisaitl, 25, gilt längst zu den Besten seiner Branche, scheiterte nur erneut früh in den Playoffs mit den Edmonton Oilers. Philipp Grubauer, 19, spielt mit den Colorado Avalanche derzeit um den Stanley Cup. Tim Stützle, 19, hat in seiner NHL-Premierensaison bei den Ottawa Senators in 53 Spielen 29 Punkten erzielt und gilt als der nächste deutsche Superstar. Lukas Reichel, 19, Meister mit den Eisbären, und Moritz Seider, 20, Vize-Champion mit dem schwedischen Team Rögle BK, werden mit besten WM-Empfehlungen bei den Chicago Blackhawks beziehungsweise den Detroit Red Wings Anlauf nehmen, um in der besten Liga der Welt anzukommen. „Wir haben ein riesiges Spielerpotenzial inzwischen, auch in der Breite“, so Holzer.

Ganz entscheidend ist aber auch die Mentalität, die derzeit das deutsche Eishockey prägt. So lange ist es noch gar nicht her, dass ein deutscher Eishockey-Bundestrainer größte Mühe hatte, einen wettbewerbsfähigen Kader für eine WM zusammenzustellen, weil für einige Profis die Aussicht auf eine verlängerte Sommerpause erfreulicher erschien, als bei einer WM das DEB-Trikot überzustreifen. Unter den Bundestrainern Marco Sturm und jetzt Söderholm ist das Selbstverständnis zurückgekehrt, dass eine DEB-Einladung als Privileg zu verstehen ist. Und dieser Trend wird sich verstärken, wenn es darum geht, den Kader für Olympia 2022 zusammenzustellen. Wenn ein erfolgreiches Abschneiden gar nicht mehr als so sensationell empfunden würde.