Berlin - Nach ihrem Gold-Coup von Budapest ließen Europas neue Handball-Könige ihren Tränen freien Lauf. „Als Kind hätte ich mir nie träumen lassen, mit Schweden eine Goldmedaille zu gewinnen“, sagte Torhüter Andreas Palicka mit stockender Stimme. Der spektakuläre EM-Triumph und das Ende des 20 Jahre währenden Titelfluchs hatte selbst Schwedens alles überragenden Team-Oldie emotional umgehauen. „Ich bin komplett zusammengebrochen und habe wahrscheinlich noch nie so viele Tränen geweint“, erzählte Palicka, bevor er nach einer langen Partynacht am Montagvormittag die Heimreise von dieser verrückten Europameisterschaft antrat.

Der fünfte EM-Titel der von sieben Coronafällen gebeutelten Schweden und vor allem das Zustandekommen des dramatischen Finalerfolgs gegen Spanien (27:26) stand sinnbildlich für die zweieinhalb Wochen dieses vom Virus und über 100 positiven Befunden überschatteten Turniers. Da war zum einen die Geschichte des 35-jährigen Palicka, der nach dem Hauptrunden-Spiel gegen Deutschland positiv getestet worden war, dann ausfiel, sich mit zwei Weltklasseleistungen am Finalwochenende zurückmeldete – und nun sein Karriereende im Nationaltrikot nicht ausschließt. Da war aber vor allem das märchenhafte Comeback von Niclas Ekberg, der mit seinem in letzter Sekunde verwandelten Siebenmeter das Endspiel entschied.

Tagelange Isolation für Ekberg

Gleich zwei Mal musste der Kieler Rechtsaußen im Turnierverlauf nach positiven Tests in Quarantäne. Ekberg, bester Torschütze der Bundesliga-Hinrunde, verpasste drei der vier Hauptrundenspiele seines Teams und das Halbfinale – ehe er im Finale als gefeierter Held in Erscheinung trat. „Ein traumhaftes Ende“, sagte Ekberg. Nach tagelanger Isolation, die er als „reine Hölle“ und „mentalen Krieg“ beschrieb, war er „einfach unglaublich froh und stolz, dass ich dieser Mannschaft helfen konnte“.

Nervös sei er nicht gewesen, berichtete der auch beim THW als eiskalter Schütze bekannte Ekberg über die Sekunden vor seiner Einwechslung. „Jetzt schieße ich EM-Gold für uns nach Hause“, habe er Trainer Glenn Solberg noch zugeflüstert: „Dann hat er mich auf die Wange geküsst, ich bin reingegangen und habe es getan.“

Mit ihrem ersten Sieg im dritten großen Endspiel seit 2018 traten Palicka und Co. endlich aus dem langen Schatten der „Bengan-Boys“. Jener als „Goldene Generation“ gefeierten Mannschaft um den Welthandballer des Jahrhunderts Magnus Wislander und Erfolgstrainer Bengt Johansson, die bei der EM 2002 den bis dato letzten Titel für die Skandinavier bei einem großen Turnier gewonnen hatte.

„Ich bin so verdammt glücklich, dieses Gold zu gewinnen. Ihr habt keine Ahnung, wie lange ich davon geträumt habe“, sagte auch Spielmacher Jim Gottfridsson von der SG Flensburg-Handewitt, der am Sonntag völlig zu Recht als wertvollster Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. Der Spielmacher sah sich zum Turnierende aber auch noch mit einer nicht ganz so neuen Debatte konfrontiert: der Aufnahme der Sportart Handball ins Programm der Olympischen Winterspiele. Die Idee von Weltpräsident Hassan Moustafa einer Verlegung des Hallenhandballs vom Sommer in den Winter ist inzwischen zehn Jahre alt, sie erhielt nun aber während der Europameisterschaft neuen Schwung. Profitieren könnten von einer Neueingliederung die extrem beanspruchten Profis. Außerdem sei Handball „ohnehin eine Herbst- und Wintersportart. WM und EM werden bei Frauen und Männern im Dezember und Januar ausgetragen. Dazu drängt Beachhandball auch ins olympische Programm“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann gegenüber dem Sportbuzzer.

Gottfridsson möchte neue Epoche prägen

Jim Gottfridsson sprach zwar von „keiner doofen Idee“ – an eine Umsetzung mag er aber nicht glauben. „Keiner will auf sein Turnier verzichten und deshalb müssen wir Handballer einfach damit leben, dass wir derart viele Turniere spielen“, sagte Gottfridsson. Unabhängig von solchen Diskussionen möchte der 29-Jährige selbst eine Epoche wie die der „Bengan-Boys“ prägen.

Viel Zeit zum Genießen des aktuellen Triumphs bleibt ihm und den anderen schwedischen EM-Helden allerdings nicht. Ekberg ist mit Kiel, wie etliche andere schwedische Spieler auch, bereits am Wochenende im Viertelfinale des DHB-Pokals wieder gefordert, Gottfridsson und seine Flensburger legen in der Liga in der kommenden Woche wieder los.