Jürgen Röber kam regelmäßig ins Schwitzen. Immer, wenn ein Spiel von Hertha BSC schon gelaufen war und die Mannschaft sicher in Front lag, könnte es passieren, was sein Torhüter Gabor Kiraly, der einen Hang zum Leichtsinn besaß, angekündigt hatte: Der Ungar wollte das Spiel mit einem Abwurf an die eigene Torlatte eröffnen! Das hatte er bei seinem Vorbild Peter Hegedüs gesehen, der in Kiralys Heimatverein Haladas Szombathely lange im Tor stand. Kiraly übte das später bis zur Perfektion. Doch Trainer Röber verbot ihm, diese verrückte Aktion im Spiel zu zeigen.

Hertha BSC war von 1997 bis 2004 die erste Station im Ausland von Gabor Kiraly, der für eine Ablöse von 200.000 Mark von Haladas nach Berlin gekommen war. 198 Mal stand er in der Bundesliga im Tor der Berliner -  so oft, wie keine anderer Keeper beim Hauptstadtklub.

Nun hat er – im Alter von 43 Jahren – seine großartige Karriere beendet. Leider passierte das mit einem Abstieg. Mit Haladas, wo er bis zum Juni einen Vertrag besaß, ist Kiraly aus der ersten Liga Ungarns als Tabellenletzter abgestiegen. Das letzte Spiel endete 1:1 gegen Vidi. Nur acht Siegen standen sechs Remis und 19 Niederlagen gegenüber. 24 Mal kam Kiraly noch zum Einsatz in dieser Spielzeit.

Danach hat sich Kiraly auf seiner Homepage öffentlich verbschiedet. Und das sehr emotional. Er dankte dabei „dem Fußball, all seinen Vereinen, seinen ehemaligen Kollegen und Trainern, seinen Fans.“ Und davon hat er viele.  „Eine fantastische Reise ist zu Ende!“

Kult auch in England

Außer in Deutschland erwarb sich der mutige Keeper auch Kultstatus in England und natürlich in seiner Heimat. 2016 beendete er nach dem 108. Länderspiel für Ungarn seine Karriere als Nationaltorhüter. Beim 0:2  gegen Schweden in Budapest stand er 28 Minuten im Tor, wurde beim Stand von 0:0 von Nationaltrainer Bernd Storck ausgewechselt. Das besaß durchaus Symbolcharakter, denn  Storck war zu Kiralys Zeiten in Berlin der Assistent von Jürgen Röber und hatte den Ungarn bei einem U21-Länderspiel beobachtet und Hertha empfohlen.

Mit 108 Länderspielen ist der Keeper der Rekordspieler Ungarns. Liebend gern erinnert er sich an sein Debüt: „Das war 1998 in Wien gegen Österreich. Wir haben 3:2 gewonnen und ich konnte einen Elfmeter von Toni Polster halten“, erzählt Kiraly am Telefon. „Das war schon toll!“ Wie viele Nationaltrainer er hatte? „Es waren acht Trainer. Dazu zählen Erwin Koeman, Lothar Matthäus, Pal Dardai und Bernd Storck.“

Am 1. April 43 Jahre alt geworden

Am 1. April ist Kiraly 43 Jahre alt geworden, fit ist er bis heute geblieben. Wer wie er 882 Pflichtspiele bestritten hatte – und die auf hohem Niveau – muss ehrgeizig und trainingsfleißig gewesen sein. „Ich habe immer gern trainiert“, sagt Kiraly, „ich wollte immer das Maximum.“ Im Januar diesen Jahres sagte er: „Wenn mich meine Frau Zsanett lässt, mache ich noch ein bisschen weiter.“ Doch der Abstieg von Haladas brachte den Schlusspunkt.

Langweilig wird es ihm überhaupt nicht werden. Er wird sich um seine Familie kümmern und um sein  großzügiges Sportzentrum in Szombathely. Das hat er bereits vor 14 Jahren errichten lassen und es wächst und wächst. Trainingsplätze, Sporthallen, eine Torwartschule, Reha-Zentrum – alles ist vorhanden – und natürlich ein großer Fanshop. Dort gibt es die legendäre lange graue Schlabberhose, die Gabor einst berühmt machte.

„Die habe ich 1994 zum ersten Mal getragen“, sagt Kiraly, „unser Zeugwart bei Haladas hatte die schwarzen Hosen vergessen und nur noch eine lange graue Hose dabei. Die habe ich angezogen. Damit habe ich danach neun Spiele in Serie gewonnen und sie im Tor nicht wieder ausgezogen.“ Seit seinem 40. Geburtstag besitzt Kiraly sogar eine eigene Kollektion mit dem Namen „K1raly“, in der er die Schlabberhose, aber auch T-Shirts und Torwarthandschuhe vermarktet.

Enver Maric, einst Nationaltorhüter von Jugoslawien, später Torwarttrainer bei Hertha, sagte dieser Zeitung: „Gabor war wie fast alle Torhüter ein bisschen verrückt, aber er war der beste Keeper, mit dem ich arbeiten durfte.“

Kiraly sagt nach den Turbulenzen rund um seinen Abschied: „Ich mache jetzt erst einmal sehr, sehr lange Urlaub. 26 Jahre im Fußball waren eine lange Zeit. Ich werde mich erholen. Mir geht es sehr gut.“

Der Ungar hat dem Fußball sehr viel gegeben.