Für Andreas Müller ist Abstiegskampf nichts Neues. Der Sportchef von der TSG Hoffenheim erinnert sich gar nicht mal so ungern an die Saison 1993/94. Da war er Profi bei Schalke 04 und konnte nicht verhindern, dass die Knappen eines grauen Herbsttages mit 9:25 Punkten am Tabellenende standen. Fast zwei Monate lang kamen sie vom letzten Platz nicht weg. „Aber dann sind wir mit dem neuen Coach Jörg Berger durchgestartet und haben die Klasse gehalten“, erzählt Müller. Am Ende wurde Schalke mit Mittelfeldspieler Müller 14. Immerhin.

250 Millionen Euro von Hopp

Platz 14 im Abschlussklassement würde 19 Jahre später auch dem Fußballmanager Müller gefallen, denn dann hätte Hoffenheim das Worst-Case-Szenario vermieden: den Abstieg nach fünf Jahren Bundesligazugehörigkeit, die sich Mäzen Dietmar Hopp hochgerechnet rund 250 Millionen Euro kosten ließ.

Dafür steht an der Bundesautobahn 6 gegenüber vom Technikmuseum eine schöne Arena, die ein paar mehr als 30.000 Menschen Platz bietet, und im Hoffenheimer Nachbardorf Zuzenhausen ein hochmodernes Trainingszentrum mit bestens gepflegten Plätzen, umgeben von abweisend wirkenden, viel zu hohen Gitterzäunen, neben einem schmucken, frisch restaurierten alten Schloss. Auf der anderen Seite der Bundesstraße gibt es das alte Nachwuchszentrum, das neue steht in Hoffenheim direkt links hinter dem Ortseingang, und rechts oben, auf dem Berg, findet sich das Dietmar-Hopp-Stadion, Schauplatz der gefeierten Aufstiege in die dritte, zweite und erste Liga. Alles bezahlt von Hopp.

Hopp hat mit der TSG mehr Ärger als Freude

Da sein Vermögen auf etwa das Zwanzigfache des Investments bei seinem Heimatklub, für den er in der Jugend stürmte, geschätzt wird, muss der elfreichste Mann Deutschlands deshalb nicht finanziell darben, aber die Hoffnung des 73-Jährigen auf ein bisschen mehr Anerkennung für diesen Teil seines vielfältigen Lebenswerks hat sich allenfalls bis zur Hoffenheimer Wintermeisterschaft 2008 erfüllt. Seitdem hat der SAP-Mitbegründer mehr Ärger als Freude mit seinem Engagement beim vormaligen Dorfklub in der selbst ernannten Metropolregion Rhein-Neckar; und zwar nicht nur wegen anhaltender Erfolglosigkeit der Fußballprofis, die im Kalenderjahr 2012 in 34 Erstligaspielen nur einen Punkt mehr holten als die Frankfurter Eintracht in deren 17 Begegnungen nach dem Aufstieg. Sondern auch wegen der zuweilen scharfzüngigen medialen Begleitung dieser Erfolglosigkeit. Darüber kann der Milliardär sich fürchterlich aufregen. Denn den dicken Panzer, den sich Protagonisten der Branche aus Gründen des Selbstschutzes anzulegen pflegen, besitzt Hopp nicht. Kritik trifft ihn deshalb ungebremst mit voller Wucht. Neid und Missgunst erst recht. Er keilt dann schon mal mit Anlauf zurück. Aber es geht ihm danach nicht besser. Das unterscheidet den guten Mann vom Münchner Kollegen Uli Hoeneß.

Dass er sich im Profifußball so sehr engagiert habe, sei womöglich sein größter Fehler gewesen, hat Hopp vor einem Jahr mal erwähnt, als der Frust mal wieder tief in die empfindsame Seele gekrochen war. Mehr Freude bereitet ihm seine Stiftung, über die er rund 300 Millionen Euro in regionale soziale Projekte gesteckt hat, und sein Golfclub in St. Leon Roth unweit der Zentrale des weltgrößten Softwarehauses SAP. Auf den gepflegten Grüns wurden bereits etliche Nachwuchshoffnungen hervorgebracht, im Fußball gestaltet sich das ungleich schwieriger. Hopps Ziel war es auch, die TSG Hoffenheim mit „eigenen Talenten nach oben zu bringen“. Das ist nachhaltig trotz immenser finanzieller und personeller Anstrengungen in der Nachwuchsförderung nicht gelungen. In diesem Winter verpflichtete der Klub bislang Luis Advincula, einen 22-jährigen Peruaner, David Abraham, einen 26-jährigen Argentinier, und Afriyie Acquah, 21, aus Ghana.

Dringender Personalbedarf

Es herrscht Abstiegsnot und dringender Personalbedarf, also müssen langfristigere Überlegungen erst einmal hinten anstehen. Denn die Mittelfeldspieler Sebastian Rudy und Sead Salihovic fallen noch eine ganze Weile aus, zudem ist der vormalige Abwehrchef Marvin Compper in Ungnade gefallen. Längere Interviewwünsche hat Manager Müller in dieser Woche deshalb ablehnen und seine volle Konzentration dem Transfermarkt widmen müssen. „Über allem steht der Klassenerhalt. Perspektivisch aber muss der Weg wieder der sein, für den Hoffenheim Jahre lang gestanden hat“, sagt er, „wir müssen die herausragende Konzeption unserer Philosophie wiederentdecken und neu leben.“ Diese „klare Linie“ sei „in den letzten Jahren abhandengekommen, davor dürfen wir die Augen nicht verschließen“. So deutlich hat das Dietmar Hopp nie formuliert, aber man kann sicher sein, dass Müller ganz im Sinne des einflussreichsten Gesellschafters der Fußball GmbH argumentiert.

Müller hat erst vor vier Monaten sein Büro mit direktem Blick auf den Übungsplatz im Trainingszentrum bezogen und nicht lange benötigt, um zu erkennen, dass mit Trainer Markus Babbel schwerlich eine Kehrtwende möglich sein würde. Aber reagieren konnte Müller nicht sofort, dafür war er schlicht zu kurz da, und das verbot sich zudem auch angesichts des schweren Verkehrsunfalls des Mittelfeldspielers Boris Vukcevic, der seine lebensbedrohlichen Verletzungen inzwischen überwunden hat. Aber auch nach der schlimmen Kollision mit einem Lastwagen war auf dem Platz kein Zusammenrücken spürbar.

Fünf Trainer in zwei Jahren

Vor Saisonbeginn hatte Präsident Peter Hofmann geglaubt, der Klub habe seine „Lehren gezogen, wir werden Zeugen eines Umbruchs“. Babbel habe eine „Stimmung erzeugt, die an einen Neuanfang erinnert“. Am 3. Dezember war dieser Neuanfang bereits beendet, Babbel wurde nach der neunten Saisonniederlage beurlaubt. Die Entscheidung war unumgänglich, konterkarierte aber Dietmar Hopps grundsätzliches Anliegen, „auch in schweren Zeiten nicht Trainer wie Hemden“ zu wechseln. Seit Ralf Rangnick im Januar 2011 nach viereinhalb Jahren nicht mehr weitermachen mochte, hat die TSG binnen 24 Monaten bereits den fünften Trainer für die Profimannschaft engagiert. Bundesligarekord für diesen Zeitraum! Marco Kurz, alter Kumpel von Müller aus großen Schalker Europapokal-Tagen, löste in der Winterpause Interimscoach Frank Kramer ab. Kurz hat ein Zimmer im Trainingszentrum bezogen und stürzt sich in die Arbeit. Wieder ein Neuanfang, „Wir haben den Reset-Knopf gedrückt“, sagt Müller. Wie damals, im Herbst 1993 auf Schalke.