TSG Hoffenheim: Ein einziges Armutszeugnis

Sinsheim - Mike Diehl, der Stadionsprecher der TSG 1899 Hoffenheim, kann sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Auch am Sonntagabend war dieser Wesenszug wieder zu bestaunen: Als Eren Derdiyok zwei Minuten vor dem Abpfiff für die TSG zum 1:3-Endstand gegen den VfL Wolfsburg verkürzte, sprach Diehl aufmunternd in sein Mikrofon: „Jetzt dürfen wir auch mal jubeln.“ Viele Anhänger der TSG hatten aber schon nach dem 0:3 durch ein Freistoßtor von Naldo (75.) die Arena in Sinsheim verlassen. Dabei herrschte schon zuvor eine große Leere auf den Tribünen, die nur zu zwei Dritteln und mit nur 100 Wolfsburger Fans besetzt waren. 20500 Menschen fanden am Sonntag den Weg zum Heimspiel der Hoffenheimer, so wenige wie noch nie in der nun fast viereinhalb Jahre dauernden Zeit dieses Klubs in der Bundesliga. TSG-Trainer Markus Babbel fand das „sehr schade“ und zeigte sich „überrascht“ davon, „nicht mehr Unterstützung zu haben“.

Wiese erweist sich als Flop

Überraschend an Babbels Aussage ist vor allem, dass dieser über die schwindende Unterstützung überrascht ist. Bislang läuft in dieser Saison ja nun fast alles komplett anders, als von Babbel in der Sommerpause vollmundig angekündigt. Ohne Not hatte der Trainer als Saisonziel die Europapokalteilnahme ausgerufen.
Kein Zugang konnte bisher konstant überzeugen. Der von Babbel zum Erreichen der großen Ziele als Königstransfer ausgerufene Wechsel von Torwart Tim Wiese von Werder Bremen entpuppt sich bislang als einer der größten Flops dieser Spielzeit. Auch am Sonntag sah Wiese beim 0:1 durch Hasebe (7.) nicht gut aus, die Flanke von Olic hätte er abfangen können. Den polarisierenden Wiese geholt zu haben und dafür Publikumsliebling Tom Starke gehen zu lassen, war ein Fehler − Wiese aber auch noch zum Kapitän bestimmt zu haben, ein noch größerer.

Kaum noch Kredit bei den Anhängern

Seit Monaten gibt Babbel die gleichen Analysen: Die Mannschaft müsse konstanter werden, die Balance finden und kompakter stehen. Manager Andreas Müller sagte neben den üblichen Phrasen („Müssen mehr Konstanz reinbringen“) einen sehr wahren Satz: Man stehe zurecht da, wo man stehe in der Tabelle. Angesichts der von Babbel geweckten Erwartungshaltung darf das nach mehr als einem Drittel der Saison als ein einziges Armutszeugnis gewertet werden. Bei vielen Fans besitzt Babbel kaum noch Kredit.
Wie lange Babbel bei ausbleibendem Erfolg noch die Gunst des derzeit in Florida weilenden Klub-Mäzens Dietmar Hopp genießt, ist die spannendere Frage. Babbels Vorgänger Holger Stanislawski wurde im Februar gefeuert, als die Mannschaft immerhin noch auf Tabellenrang acht stand. Es bestehe Handlungsbedarf wegen „deutlicher Hinweise auf eine reale Abstiegsgefahr“, erklärte Hopp damals. Besser geworden ist seitdem nichts.