An die neuen Gepflogenheiten in Zuzenhausen musste sich Nico Schulz, 26, nach seinem Wechsel zur TSG Hoffenheim erst mal gewöhnen. „Können Sie sich vorstellen, wie mich die Leute hier angeschaut haben, als ich am Anfang zwischen zwei Trainingseinheiten nach Hause fahren wollte?“, fragt Schulz im Gespräch mit dieser Zeitung, als wir ihn telefonisch auf dem Trainingsgelände der TSG im 2 000-Seelen-Dorf zwischen Heilbronn und Heidelberg erreichen. Nach 15 Jahren bei Hertha BSC suchte der Linksverteidiger sein Glück in der Fremde – und fand es bei Berlins kommendem Gegner in der Provinz. Und das vor allem wegen Trainer Julian Nagelsmann.


Berliner Zeitung:Herr Schulz, der TSG fehlt als Siebter aktuell nur ein Punkt auf die internationalen Plätze. Was rechnen Sie sich im Saisonendspurt aus?

Nico Schulz: Wir wollen auf jeden Fall wieder europäisch dabei sein. Dafür müssen wir möglichst viele der verbleibenden Spiele gewinnen. Wir werden alles dafür tun und sollten am Sonntag am besten die Hertha schlagen.

Sie haben schon mit vielen Trainern zusammengearbeitet, aber über Julian Nagelsmann gesagt, dass er Sie besonders geprägt habe. Was zeichnet ihn aus? 

Er hat einen großen Teil zu meiner Entwicklung beigetragen. Er hat mir den Fußball anders erklärt. Noch detaillierter, noch besser auf den Gegner abgestimmt. Das ist manchmal vielleicht sogar etwas zu viel. Aber unter ihm wissen wir, wie wir in jedes Spiel gehen müssen, wohin wir auf dem Feld laufen sollen, um uns in die richtigen Positionen zu bringen. Er hat nicht nur mich, sondern jeden Einzelnen hier bei der TSG besser gemacht. Das ist sicherlich kein Zufall. Aber das ist nicht allein der Verdienst von Julian Nagels-mann. Auch der Verein hat einen großen Anteil daran.

Missverständnisse mit Nagelsmann

Nagelsmann soll ja immer wieder neue Methoden im Training anwenden. Gibt es da auch mal die eine oder andere, die bei Ihnen großes Stirnrunzeln hervorruft?

Es gab schon einige Einheiten, bei denen auch ich nichts verstanden habe. Generell spricht er im Training sehr viel mit uns. Seine taktischen Prinzipien hängen in der Kabine. An denen läuft man jeden Tag vorbei und ab und an guckt man doch wieder drauf.

Sie haben mit Mönchengladbach und Hoffenheim Champions League gespielt, sind unter Nagelsmann zum Nationalspieler geworden …

Dann kann ich jetzt aufhören, meinen Sie? 

Mit 26 Jahren sind Sie doch im besten Fußballeralter … 

Stimmt. 

Eine besondere Atmosphäre

Wie groß ist der Leistungsunterschied zwischen Nationalmannschaft beziehungsweise Champions League und der Bundesliga?

Das nimmt sich von der Qualität nicht viel, ob wir gegen Leverkusen oder Bayern und in der Champions League gegen Donezk oder Manchester City spielen. Das Besondere ist eher das Gefühl: Wenn man sich das Trikot mit dem DFB-Emblem oder dem Champions League-Sticker überstreift, wenn unter der Woche abends das Flutlicht angeht und die Hymne gespielt wird – das versprüht einfach eine besondere Atmosphäre.

Seit Jahren heißt es, dass es in Deutschland zu wenige gute Außenverteidiger gibt.

Naja, Philipp Lahm hat dort jahrelang auf Weltklasse-Niveau gespielt.

Trotzdem wird diskutiert, dass zu wenige Talente auf der Position nachkommen.

Vielleicht will niemand so viel laufen. Nein, Spaß beiseite, woran das liegt, weiß ich nicht. Genauso könnte man sich fragen, warum es in Deutschland vielmehr gute Torhüter als in anderen Länder gibt.

Die Diskussion ist verpufft, seitdem Sie unter Bundestrainer Joachim Löw im Nationalteam die Position auf der linken Seite bespielen. Sind Sie in der Form Ihres Lebens?

Wenn man die letzten eineinhalb Jahre betrachtet, kann man das so sagen. Das heißt aber nicht, dass ich mich mit 26 Jahren nicht noch weiterentwickeln kann. Ich bin sicher noch nicht am Ende angelangt.

Ist das kleinere Umfeld in Hoffenheim neben dem Trainer und den Bedingungen bei der TSG für Sie das perfekte Umfeld?

Wenn man sich meine Entwicklung anschaut, passt es für mich super. Ob es das perfekte Umfeld ist? Dafür müsste ich noch bei ein paar anderen Klubs spielen. Aber im Moment ist es für mich auf jeden Fall sehr gut.

Woran liegt das?

Das sind viele Dinge, die sich zusammenfügen. Es ist ein gut geführter, sehr ruhiger Klub. Hier können sich junge Spieler sehr gut entwickeln. Man verbringt viel Zeit auf dem Trainingsgelände, auch weil drumherum nicht so viel los ist wie zum Beispiel in Berlin. Dazu haben wir einen super Trainer und ein gutes Team. Dann führt eins zum anderen und es läuft entsprechend gut.

Kein Essen in Berlin

Sie haben bereits erwähnt, dass in Hoffenheim kein Spieler zwischen zwei Einheiten nach Hause fährt. War das tatsächlich neu für Sie?

Ich musste mich daran erst mal gewöhnen. In Mönchengladbach liegt das Trainingsgelände nicht so weit weg von der Stadt, da hat man das mal so, mal so gemacht. Aber zu meiner Anfangszeit in Berlin gab es zwischen zwei Trainingseinheiten nicht mal Essen. Da mussten wir für das Mittagessen das Gelände verlassen. Das hat sich alles geändert, als ich gegangen bin. Da haben sie auch den Kabinentrakt erneuert. Davor war der Kraftraum gefühlt drei Quadratmeter groß.

Hilft es Ihnen als Berliner, dass es in Hoffenheim und Umgebung weniger Ablenkung gibt?

Ja. Wobei ich sagen muss, der Flughafen in Frankfurt ist relativ nah.

Das nutzen Sie, um Ihre beiden Kinder, die mit ihrer ehemaligen Lebensgefährtin in Berlin leben, regelmäßig zu besuchen. Was vermissen Sie außer der Familie und Freuden am meisten aus Ihrer Heimat?

Meine Stammlokale, in denen ich gerne essen gehe. Wohl auch aufgrund meiner italienischen Wurzeln ist mir gutes Essen sehr wichtig.

Inwieweit ist das Duell gegen Hertha noch etwas Besonderes für Sie?

Ich kenne noch immer viele Spieler und auch viele aus dem Trainer- und Betreuerstab. Das ist auf jeden Fall anders als gegen andere Vereine.

Haben Sie deswegen noch nie gegen Hertha verloren?

Das wusste ich gar nicht. Aber das ist schon mal ganz gut, oder?

Hertha befindet sich nach vier Niederlagen in Serie in der Krise. Trainer Pal Dardai gerät zunehmend in die Kritik. Wie nehmen Sie das wahr?

Dass es im Moment nicht läuft, wissen sie selbst. Hertha hat eine sehr gute Hinrunde gespielt. Wenn es dann in der Rückrunde nicht so funktioniert, ist es doch normal, dass Kritik aufkommt. Im Moment spielen sie weder oben noch unten mit. Ich glaube, das haben sie sich ein bisschen anders vorgestellt nach der starken Halbserie.

Nach den Ergebnissen der vergangenen Wochen mangelt es bei vielen Hertha-Spielern am Selbstvertrauen. Sie haben auch Höhen und Tiefen in Ihrer Karriere erlebt. Wie geht man mit so einer Situation um?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Bei einem Spieler ist das auch etwas anderes als bei einer ganzen Mannschaft. Man sollte versuchen, noch ein paar Prozent mehr aus sich herauszuholen, damit man wieder ein Erfolgserlebnis hat. Dadurch kommt dann auch wieder das Selbstvertrauen zurück.

Das Gespräch führte
Sebastian Schmitt.