Berlin/Porto - Man muss bezüglich der beiden, da sie sich nun als Trainer im Finale der Champions League gegenüberstehen, dann wohl doch noch mal die Geschichte von der Nacht im Schumann’s erzählen. Wie sie vor sechs Jahren in der Bar am Münchner Hofgarten bis in die Morgenstunden Salz- und Pfefferstreuer, aber auch Wein- und Champagnergläser auf einem offensichtlich nicht allzu kleinen Tisch hin- und hergeschoben haben. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern um sich anhand der Gebrauchsgegenstände Gedanken über spieltaktische Formationen zu machen. So jedenfalls geht die Saga von den beiden Fußballphilosophen beziehungsweise Fußball-Nerds.

Der eine war gerade Übungsleiter des FC Bayern, der andere in einem Sabbatical, nachdem er als Coach des FSV Mainz 05 doch Bemerkenswertes geleistet hatte. Sie verstanden sich prächtig, waren begeistert voneinander. Der eine, weil der andere über ein großartiges Fachwissen verfügte und so fabelhafte Ideen einbrachte. Der andere, weil der eine auf gewisse Weise sein Vorbild war. Hexenmeister trifft Zauberlehrling. Eingefädelt hatte das Date Michael Reschke, der ehemalige Kaderplaner des deutschen Rekordmeisters. Es war der Beginn einer intensiven Männerfreundschaft, die Jugend von heute würde wohl eher von einer Bromance sprechen.

Im Winter wären wir sicherlich noch klarer Favorit gewesen, aber Chelsea hat unter Thomas Tuchel zur europäischen Spitze aufgeschlossen.

Ilkay Gündogan

Nun kommt es im Endspiel der europäischen Eliteliga also zum Duell zwischen Pep Guardiola, der damals im Schumann’s laut Überlieferung Champagner trank, und Thomas Tuchel, der sich damals im Schumann’s laut Überlieferung mit Weinschorle begnügte. Der Manchester City Football Club misst sich mit dem Chelsea Football Club, Sonnabendabend (21 Uhr, Sky und DAZN), im Estádio do Dragão zu Porto.

Ein Favorit ist nicht auszumachen, City war in England die beste Mannschaft des Jahres, wurde Meister; Chelsea wiederum war in England die beste Mannschaft der vergangenen Wochen, wenngleich die Blues im FA-Cup-Finale gegen Leicester City nach einem 0:1 als Verlierer zur Siegerehrung schlichen. „Im Winter wären wir sicherlich noch klarer Favorit gewesen, aber Chelsea hat unter Thomas Tuchel zur europäischen Spitze aufgeschlossen“, erklärte nun Ilkay Gündogan, der bei City in dieser Saison vor allem in der Disziplin Torgefahr einen erstaunlichen Entwicklungsschritt genommen hat (17 Treffer in 45 Pflichtspielen). Gündogan dürfte von Beginn an auf dem Feld stehen, was auch für Antonio Rüdiger und Kai Havertz aufseiten der Londoner gilt. Bei Timo Werner, dem vierten deutschen Nationalspieler im Bunde, darf man sich dahingehend nicht so sicher sein.

Guardiola hat seinem Team das Kämpfen beigebracht

Guardiola ist seit 2016 Trainer der Citizens, hat auf nationaler Ebene allerlei Titel vorzuweisen, war aber in der Champions League wiederholt vorzeitig gescheitert. Sein Team spielt grundsätzlich typischen Guardiola-Fußball, kann inzwischen aber auch mehr, nämlich kämpfen und kontern, wie sich im Besonderen im Halbfinale gegen Paris St. Germain gezeigt hat. Der Katalane hat also seine Spielidee überarbeitet, um sich selbst, aber auch den katarischen Klubbesitzern den Traum vom Gewinn der europäischen Eliteliga zu erfüllen. Mit dem FC Barcelona war dem 50-Jährigen dies schon zweimal geglückt, 2009 und 2011, in der Folge waren seine Teams aber gerade im Saisonfinale nicht in Bestform, offenbarten in der Auseinandersetzung mit den besten Mannschaften Europas vor allem in der Defensive wiederholt Schwächen.

Tuchel wiederum scheiterte vergangenes Jahr mit Paris St. Germain im Endspiel der Champions League an den Bayern, was wohl letztlich auch seine Demission im Dezember beförderte. Schon im Januar dieses Jahres aber übernahm der 47-Jährige bei Chelsea den Job der offensichtlich als Trainer überforderten Klublegende Frank Lampard und vollbrachte innerhalb weniger Tage ein kleines Wunder: Da standen plötzlich keine verunsicherten Stars mehr auf dem Platz, sondern eine Mannschaft, die mit ihrem zwingenden Spiel der Reihe nach Erfolge erzielte. In der Premier League gegen Liverpool, Manchester United und Manchester City, in der K.-o.-Runde der Champions League gegen Atlético Madrid, den FC Porto und schließlich auch gegen Real Madrid. Tuchel betonte aber noch mal: „Die Citizens sind immer noch der Maßstab, und wir sind diejenigen, die sie herausfordern.“

Es steht jedenfalls außer Frage, dass sich am Sonnabend zwei der genialsten Trainer unserer Zeit gegenüberstehen. Zwei Trainer, die vielleicht nicht die Sympathiewerte eines Jürgen Klopp oder eines Hansi Flick haben, aber mit ihrem Wirken erheblichen Einfluss auf das Spiel an sich ausüben. Die sich von ihrer Fußballphilosophie so nahe sind, dass man sich für den Sonnabend auf ein ganz besonderes Spiel freuen darf.