Ja, ja, ja, ja und ja. So begann das Bekenntnis des Lance Armstrong zu seiner Dopingvergangenheit. US-Talkmasterin Oprah Winfrey bat den Gesprächspartner, ihre ersten Fragen nur mit ja oder nein zu beantworten. Und der 41-jährige Texaner tat, wie ihm geheißen. „Haben Sie Epo genommen?“ - „Ja.“ - „Eigenblutdoping betrieben?“ - „Ja.“ - „Testosteron?“ - „Ja.“ - „Kortison?“ - „Ja.“ - „Wachstumshormone?“ - „Ja.“

Das Feld war bereitet für den 65-minütigen ersten Teil des rund um den Globus mit Spannung erwarteten Dopinggeständnisses des Mannes, der siebenmal die Tour de France gewann und als ein weiterer Radsportler, der sich seinen Ruhm mit Hilfe der Pharmazie erschlich, in die Geschichte eingehen wird.

„Die Geschichte war lange Zeit so perfekt.“

Es wurde ein seltsam steif wirkendes und nur selten spannendes Gespräch über Sachverhalte, die eingedenk der Enthüllungen des Berichts der US-Antidopingagentur (Usada) im vorigen Oktober weitgehend bekannt waren. Winfreys Redaktion hatte ordentliche Arbeit geleistet, weshalb die bislang nicht durch ihre Liebe zum Radsport aufgefallene Talk-Ikone gut vorbereitet und also in der Lage war, an einigen Stellen nachzuhaken. Doch ihr Interesse galt erkennbar weniger dem Wie als dem Warum.

Armstrong wiederum war darum bemüht, möglichst nüchtern die Fabrikation der, wie er gleich zu Beginn des Gesprächs selbst sagte, „riesengroßen Lüge“ zu schildern, die sein durch systematisches Doping ermöglichter Aufstieg zum größten Star in der Geschichte des Radsports war. Er rang dabei um etwas, das man bei ihm in den Jahren des Erfolgs stets vergeblich gesucht hatte: Demut.

Armstrong entschuldigte sich bei seinen Fans, die so gern an die Geschichte von den Wundertaten des geheilten Krebspatienten geglaubt, und bei hartnäckigen Widersachern, die eben das nicht getan hatten. Und er nannte den eigenen Mythos als Grund dafür, weshalb er Doping so lange hartnäckig bestritten hatte: „Die Geschichte war lange Zeit so perfekt.“

Lebhaft wurde Lance Armstrong bei seiner ansonsten mit versteinerter Miene und monotoner Stimme vorgetragenen Dopingbeichte nur, wenn er die Chance sah, sich rechtfertigen zu können. Da klang dann so mancher Satz vertraut: dass es in seiner Generation nicht möglich gewesen sei, die Tour ohne Doping zu gewinnen; dass er keinen Zugang zu Substanzen gehabt habe, den andere nicht auch gehabt hätten; dass er sich nicht als Betrüger gefühlt habe, „weil wir das so gesehen haben, dass wir Waffengleichheit herstellten“.

Wer erwartet hatte, Armstrong werde detailliert auspacken und andere Beteiligte an seinem System belasten, muss auf den zweiten Teil des Interviews hoffen. Groß kann diese Hoffnung nicht sein bei einem, der, wie er Winfrey anvertraute, den italienischen Doping-Doktor Michele Ferrari für „einen guten Mann“ hält, und zwar „heute noch“. Auch in der Chefetage des Radsport-Weltverbands wird man die in der Nacht zum Freitag ausgestrahlten Einlassungen des einstigen Tour-Dominators mit Wohlwollen  registriert haben. Energisch bestritt Armstrong, dass es eine positive Probe von ihm aus der Tour de Suisse 2001 gab, die vom Labor in Lausanne und der UCI vertuscht wurde. Seine im fragliche Zeitraum ergangene Spende an den Weltverband in Höhe von 250.000 US-Dollar erklärte er so: „Sie haben mich darum gebeten.“ Na dann.

Keine Kollegen unter Druck gesetzt

Der Mann, der im Tour-Peloton notfalls eine Vendetta gegen Fahrer anzettelte, die er der Majestätsbeleidigung verdächtigte, will auch keinen Teamkollegen unter Druck gesetzt haben, damit der zu Dopingmitteln greift. Das musste er auch nicht. In das umfassende System war Manager Johan Bruyneel ebenso eingebunden wie die US-Postal-Teamärzte Luis Garcia Del Moral und Pedro Celaya oder Pfleger Pepe Marti. Es ist entlarvend, dass sich Armstrong gegen die Aussage von Usada-Chef Travis Tygart, der Texaner uns seine Kompagnons hätten das elaborierteste Dopingsystem der Sportgeschichte betrieben, mit dem Hinweis auf „das Dopingprogramm in Ostdeutschland“ verwahrte. Das perfide DDR-Staatsdoping als Referenzgröße heranzuziehen, um die eigenen Taten zu relativieren, spricht für sich selbst.

Natürlich stimmte Lance Armstrong auch in den Chor der als Doper aufgeflogenen Radsportgrößen ein, demzufolge das Metier inzwischen weitgehend sauber sein soll. „Der biologische Pass funktioniert wirklich“, sagte da einer, der's nun wirklich wissen muss, und packte noch ein Lob für die UCI obendrauf: „Ich bin nicht deren Fan, aber die haben ihn eingeführt.“ Es hätte wohl alles Friede, Freude, Eierkuchen sein können in einem Interview, das nun in eine Plauderei abzugleiten drohte. „Schämen Sie sich?“ - „Sicher.“ Doch Oprah Winfrey entging der Gefahr, indem sie Armstrong in Einspielern mit Aussagen einiger seiner Mobbing-Opfer konfrontierte. Masseurin Emma O'Reilly und Betsy Andreu, Frau eines früheren Armstrong-Teamkollegen, hatten erfahren müssen, was es heißt, die Wahrheit über den großen Betrüger zu sagen. Nun bekannte Armstrong, der O'Reilly einst als Hure und Andreu unter anderem als notorische Lügnerin beschimpft hatte, kleinlaut, es tue ihm leid und er habe bereits Kontakt aufgenommen, um sich bei beiden zu entschuldigen.

Verlangen nach Siegen

„Im Angriffsmodus“ seien seine Entgleisungen damals geschehen, sagte Armstrong. Schon als Kind sei er ein Kämpfer gewesen, was auch immer das erklären sollte, und später dann, als Radprofi, „ein arroganter Sack“, einer der „durchdrungen war vom Verlangen zu siegen“. Er sagt nicht „ich“, es klingt wie die Beschreibung eines anderen Kerls.

Teil zwei des Interviews, der kommende Nacht ausgestrahlt wird, soll ausweislich der Vorschau zeigen, ob Lance Armstrong auch vom Verlangen durchdrungen ist, bei den Millionen Menschen Abbitte zu leisten, deren Idol er war und die seine Krebshilfestiftung Livestrong zu einer der größten Wohltätigkeitsorganisationen der USA machten. Ein Beitrag zur Aufklärung der Lebenslüge Lance Armstrong wird das nur, wenn sich Oprah Winfrey dabei der spannenden Frage widmet, ob der Mann, der sich ihr in Teil eins doch tatsächlich als „humanitärer Mensch und Philantrop“ beschrieb, so skrupellos war, die Stiftung als Fassade zu missbrauchen, hinter der sich gute Geschäfte machen ließen.