Tyson Fury im Februar nach seinem Sieg gegen Deontay Wilder.
AP/Isaac Brekken

BerlinIn den vergangenen Corona-Wochen hat der Showsport der Preisboxer lange Zeit nichts zu zeigen gehabt. Aber still ist es trotzdem nicht gewesen in dieser schillernden Welt, in der es einige besser verstanden haben, die Ereignislücke als Aufmerksamkeitsbooster zu nutzen als andere. 

Auf Rang eins in der Liste der Lückenfüller hat sich Mike Tyson katapultiert. Der frühere Schwergewichts-Weltmeister warf nicht nur eine T-Shirt-„Pandemie-Kollektion“ auf den Markt, auf der das Händewaschen vom Nassmachen übers Einseifen bis zum sachgerechten Abtrocknen als Comic skizziert ist, begleitet von der Aufforderung: „Wasch deine verdammten Hände“. Er hat auch angekündigt, in den Ring zurückzukehren, für einen Schaukampf.

Tyson ist bald 54, sein letzter Kampf liegt 15 Jahre zurück. Das Video seiner Comeback-Ankündigung wurde bislang mehr als zweieinhalb Millionen Mal geklickt. Es zeigt ihn mit grauem Bart und ist mit dem Hashtag „stillthebaddestmanontheplanet“ versehen. Kaum ein Boxer, der nicht als möglicher Gegner des „noch immer bösesten Menschen des Planeten“ genannt wurde: Evander Holyfield natürlich, dem wegen Tysons Beißattacke 1997 noch immer ein Stück seines Ohres fehlt. Shannon Briggs, der frühere US-Schwergewichtsboxer mit der Ananas-Frisur brachte sich ins Spiel, der weißrussische MMA-Kämpfer und Schauspieler Andrei Arlovski – und natürlich der britische Schwergewichtsboxer Tyson Fury.

Der wiederum hat sich mit einem anderen Ankündigungsvideo Platz zwei auf der Lückenfüller-Liste verdient. Der 31 Jahre alte Brite, der sich im Februar mit einem Sieg über Deontay Wilder den Weltmeistergürtel der WBC im Schwergewicht zurückgeholt hat, meldete kürzlich begeistert, er habe eben mit Daniel Kinahan telefoniert. Dieser habe den größten Kampf im britischen Boxen für 2021 eingetütet: der Kampf von WBC-Weltmeister Fury gegen Anthony Joshua, Weltmeister der Verbände IBF, WBA, WBO und IBO. „Großes Lob an Dan. Er hat das Ding geschaukelt“, plapperte der glatzköpfige Fury grinsend in die Kamera.

Viele Boxfans sehnen dieses Duell herbei. Statt begeisterter Ahs und Ohs war allerdings in Großbritannien die Empörung nach dem Video riesig. Denn Daniel Kinahan, der sich aktuell in Dubai aufhält, soll tatsächlich einer der bösesten Menschen der Welt sein: ein gefürchteter Mafiaboss, laut irischen Behörden Kopf des waffenschmuggelnden und mit Drogen handelnden Kinahan-Clans. Die Times nannte ihn einen „kriminellen Parasiten“. In einem Europol-Report von 2019 wird Kinahans Bande dem organisierten Verbrechen zugeordnet. Offenbar zählt sie zu den wichtigsten Kokain-Importeuren Europas, zahlreiche Menschenleben sollen auf das Konto der irischen Mafia-Organisation gehen. Kinahan selbst sagt, er sei „nur ein irischer Geschäftsmann“. Verurteilt wurde er nie.

Irlands Regierungschef Leo Varadkar reagierte geschockt. Er sei überrascht, dass Tyson Fury „diesen Namen einfach so erwähnt, als ob das nicht jemand wäre, der eine sehr fragwürdige Geschichte in diesem Land und anderswo hat.“ Der Chef der irischen Labour-Partei Alan Kelly forderte, Vermarkter und Fernsehsender müssten über die kriminellen Aktivitäten dieser Person aufgeklärt werden.

Früher war Kinahan beim Boxstall MTK Global involviert. „Dass MTK Global sein Geld von der Mafia hat, ist in der Boxszene bekannt“, sagt ein Box-Insider aus Berlin. Die britische Zeitung The Guardian erinnert an die Schießerei in Dublins Regency Hotel, als im Februar 2016 beim Wiegen vor einem Kampfabend ein Trupp Maskierter in den Saal stürmte, ein Schuss fiel, Glas zerbrach, Stühle umgestoßen wurden, Menschen davonrannten und schließlich ein Mann erschossen zusammenbrach. Laut der irischen Polizei habe die Attacke Daniel Kinahan gegolten, dem die Flucht aus dem Saal gelungen war.

Kinahans Rolle bei dem Box-Event ist unklar, viele glauben, er wolle im Boxsport sein Image reinwaschen. Und Tyson Fury? Für diesen lauten, verrückten, schlagstarken, 2,06 Meter große Kerl, der im November 2015 Wladimir Klitschko nach einer Siegesserie über elf Jahre hinweg die erste Niederlage beibrachte, ist die Verbindung zu Kinahan ein Skandal unter vielen anderen. Der Boxer, der sich Gipsy King nennt und in einer Familie irischer Traveller aufwuchs, hat schon vieles durchgestanden: Doping, Drogen, Depressionen. Umfangreichen Beichten folgte die glanzvolle Wiederkehr. Ob die Erwähnung Kinahans Arglosigkeit war? Unwissenheit? Oder Kalkül? Wer weiß das schon. Seinen Vornamen hat Fury jedenfalls wegen Mike Tyson bekommen, dem Boxer, der sich seit Jahrzehnten souverän, ungeniert und immer wieder laut als bösester Mensch des Planeten vermarktet.