Ole Braunschweig erinnert sich gerne an seine Saison bei den New York Breakers in der International Swimming League. „Ich kann nur sehr positiv davon sprechen. Die Zeit da mit den anderen Leuten war immer sehr geil“, sagte der Berliner Rückenschwimmer. Ähnliche Erfahrungen hat auch der Potsdamer Christian Diener gesammelt, der vorigen November beim ISL-Wettkampf für die London Roars zwei deutsche Kurzbahn-Rekorde über 100 und 200 Meter Rücken an einem Tag schwamm. Wegen des Kriegs in der Ukraine setzt sich diese Zeit für Braunschweig, Diener und ihre Kollegen in diesem Jahr nicht fort. Die vom ukrainischen Geschäftsmann Kostjantin Grigorischin 2019 gegründete innovative, aber auch umstrittene Wettkampfserie ist für die Saison 2022 abgesagt.

„Viele unserer ISL-Kollegen bleiben in Kiew gefangen, und der Konflikt scheint auf absehbare Zeit anzudauern“, teilte die Schwimm-Liga Ende März mit. Man könne sich derzeit nicht verpflichten, in diesem Jahr kommerzielle Wettkämpfe auszurichten. Für die Athletinnen und Athleten bedeutet die Absage nicht nur das Ausbleiben sportlichen Kräftemessens mit zahlreichen Stars der Szene. Sie hat auch finanzielle Konsequenzen.

„Das Grundgehalt bei mir sind rund 7500 Dollar (etwa 6900 Euro) für die komplette Saison, und dazu kommen noch Prämien“, sagte Braunschweig. „Es ist schon viel Geld für uns als Schwimmer.“ Der 24-Jährige zählt bei Weitem nicht zu den Topverdienern. Internationale Spitzenathleten wie US-Star Caeleb Dressel oder die Schwedin Sarah Sjöström können in einer Saison sechsstellige Beträge einnehmen.

Anders als bei traditionellen Schwimm-Events wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften treten die Schwimmer bei der hierzulande öffentlich kaum wahrgenommenen ISL in international besetzten Teams gegeneinander an. Sie trainieren zusammen, tauschen sich über Übungsmethoden aus. „Ich habe viel gelernt“, sagte Braunschweig. „Und der Teamspirit mit anderen Topschwimmern war toll.“ Diener findet, es sei eine Ehre, bei der ISL dabei zu sein.

Während Braunschweig und viele seiner Kollegen die ISL feiern, hat sich der Schwimm-Weltverband (Fina) von Beginn an gegen das Projekt gestellt. Auch für nationale Verbände kann die Liga, die ihre Wettkämpfe als große Shows mit Licht, Animationen und Musik inszeniert, Probleme verursachen.

„Grundsätzlich ist das ein hochinteressantes Wettkampfformat, aber der Zeitraum der ISL-Wettkämpfe hat sich immer mehr ausgedehnt, für 2022 wäre es mehr als ein halbes Jahr gewesen“, sagte DSV-Leistungssportdirektor Christian Hansmann zuletzt. „Unser Fokus liegt auf der EM, der WM und auf Olympia und nicht auf dem Finale der ISL. Und dass Athleten platt zu unseren Wettkämpfen oder Trainingslagern zurückkommen, damit haben wir auch ein kleines Problem.“

Auch ohne die Liga ist der Schwimm-Kalender in diesem Jahr prall gefüllt. Vom 17. Juni bis zum 3. Juli findet die erst recht kurzfristig angesetzte Weltmeisterschaft in Budapest statt und überschneidet sich mit den deutschen Meisterschaften. Nur gut fünf Wochen später beginnt die Europameisterschaft in Rom.

Angesichts der Termindichte wäre es für WM-Starter Braunschweig noch offen gewesen, ob er dieses Jahr an der ISL hätte teilnehmen können. Ein Jahr ohne die Liga ist für ihn „nicht existenzbedrohend“, wie er selbst sagt. „Dadurch, dass ich bei der Bundeswehr angestellt bin als Sportsoldat und auch noch Unterstützung bekomme von meinem Verein und von der Sporthilfe, komme ich ganz gut über die Runden.“

Vor dem Hintergrund des Krieges findet es der Olympia-Teilnehmer sinnvoll, dass die ISL eine Pause macht. „Außerdem hatte die ISL schon von der zweiten auf die dritte Saison Probleme, das Geld komplett pünktlich zu bezahlen“, sagte Braunschweig. Andere Schwimmer berichten ebenfalls davon. „Ich habe von der letzten Saison noch keinen Cent gesehen, weil das ja alles aufgeschoben wurde durch den Krieg und ja auch die Gelder erst wieder irgendwo hergeholt werden müssen“, sagte Braunschweig. 2023 soll die Saison nachgeholt werden.