Adam Szalai erfährt die Solidarität seiner Teamkollegen von Mainz 05.
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Frankfurt a. M.Vermutlich wären die müden Augen bei Rouven Schröder noch besser zu erkennen gewesen, wenn der FSV Mainz 05 nicht in Pandemie-Zeiten dazu gezwungen wäre, seine Pressekonferenzen allein auf virtuellem Wege abzuhalten. Dass hinter dem Sportvorstand eine kurze Nacht mit „wenig Schlaf“ lag, gab der gebürtige Sauerländer in einer digitalen Fragerunde selbst zu. Hinter dem Klub lag eine „Eskalationsstufe, an der es nichts zu beschönigen gibt“, so hat es Schröder formuliert: Am Mittwochnachmittag hatten die Profis der Nullfünfer sich aus Solidarität mit dem suspendierten Mitspieler Adam Szalai geweigert, zur Nachmittagseinheit auf den Trainingsplatz zu gehen. Streit und Streik: Das passt eigentlich nicht zu einem auf sein familiäres Ambiente tunlichst bedachten Bundesligisten.

Erst zu Wochenanfang hatten die Mainzer kommuniziert, dass es für den Kapitän der ungarischen Nationalmannschaft (61 Länderspiele/21 Tore) schwer werden würde, auf genügend Einsatzzeiten zu kommen. Um zu „erwartende Konflikte“ mit dem selbstbewussten Mittelstürmer zu entschärfen, erläuterte Trainer Achim Beierlorzer, sollte Szalai lieber individuelle Trainingspläne abarbeiten.

Doch statt sich isoliert in Form zu bringen, erschien der 32-Jährige am Mittwochmorgen auf dem Vereinsgelände. Dann nahm das Unheil seinen Lauf: Trainer und Spieler gerieten aneinander, die danach Beierlorzers Ansage missachteten, die angesetzte Einheit abzuhalten. Schröders Schlichtungsversuche scheiterten, sodass der Verein am Abend mitteilen musste: „Das Training der Profimannschaft hat nicht wie geplant stattgefunden. Ursache waren emotionale Diskussionen innerhalb der Mannschaft um Adam Szalai.“

Beierlorzer, 52, äußerte nun zwar Verständnis, dass eine Mannschaft zusammenhält, aber „mir als Spieler und Trainer wäre es nie in den Sinn gekommen, dass man diesbezüglich tatsächlich nicht zum Training geht“. Am Donnerstagmorgen verständigte sich Schröder mit dem Mannschaftsrat darauf, dass die restlichen Einheiten bis zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (Sonnabend, 15.30 Uhr) stattfinden, Szalai übt hingegen mit der U23.

Ein kollektiver Protest in dieser Form, „dass eine Mannschaft nicht zum Training rausgeht“, sagte Schröder, 44, sei „eine sehr unangenehme Situation“. Und: „Klar ist, dass diese Geschehnisse nicht von jetzt auf gleich behoben sind. Es wird ein längerer Prozess sein.“ Es ist so viel Porzellan zerschlagen, dass die Scherben unmöglich auf die Schnelle zusammengefegt werden können. Angeblich soll der Streik nichts mit Uneinigkeiten über die Rückzahlungen gestundeter Gehälter zu tun haben. Krasse Kommunikationsdefizite legt das Zerwürfnis trotzdem offen.

Adam Szalai glückte nur ein Tor

Der Profi kam vergangenen Sommer als Hoffnungsträger von der TSG Hoffenheim zurück, weil er als Mitglied der berühmten „Bruchweg-Boys“ die Sehnsucht nach den besseren Zeiten personifiziert. Vor neun Jahren inszenierte eine Dreierbande mit André Schürrle und Lewis Holtby  im alten Bruchwegstadion einen außergewöhnlichen Torjubel; Szalai war damals der Trommler in dem Trio.

Eigentlich ist Schröders sportliche Bewertung, dem bald 33-Jährigen einen Vereinswechsel nahezulegen, um vor der EM ausreichend Spielzeit zu erhalten, nachvollziehbar. Szalai glückte in Saison 2019/2020 nur ein mickriges Törchen, im internen Ranking stehen der quirlige Schwede Robin Quaison, der begabte Franzose Jean-Philippe Mateta und auch der Österreicher Karim Onisiwo weit vor ihm, dazu drängt Eigengewächs Jonathan Burkhardt auf mehr Spielzeit. Alle sind deutlich jünger, dynamischer und auch torgefährlicher. Umso unverständlicher, dass Beierlorzer im DFB-Pokalspiel gegen den TSV Havelse (5:1) den halb Ausgemusterten noch einsetzte, der dann als Einwechselspieler prompt traf.

Mit diesem Schlingerkurs fällt der Fokus auf eine Sollbruchstelle: Das Verhältnis zwischen dem gelernten Gymnasiallehrer Beierlorzer und seinem lernwilligen Ensemble galt bereits aus der Vorsaison als belastet. Führungsspieler wie Daniel Brosinski forderten den Fußballlehrer damals auf, einen klareren Matchplan mitzugeben. Erst auf der Zielgeraden rissen sich die Rheinhessen am Riemen. Jetzt drohen die alten Gräben wieder aufzureißen. Fast flehentlich bat Beierlorzer alle Beteiligten jetzt darum, „volle Kanne Richtung Stuttgart“ zu gehen. Dann sind nach behördlicher Auflage 3400 Zuschauer erlaubt. Wie die auf die peinliche Posse reagieren, wird eine spannende Frage einer Spielzeit, in der Mainz 05 früh für ein kurioses Alleinstellungsmerkmal gesorgt hat.