Berlin - Die Vögel in Köpenick zwitscherten ihr Lied, als wäre nichts gewesen. Nichts Trauriges zumindest. Den meist rot-weiß, teils aber auch schwarz gekleideten jungen Männern, die am Dienstagmorgen zwischen den Bäumen umherliefen, hat diese dezente Aufmunterung im Wald hinter dem Stadion An der Alten Försterei offenbar gutgetan. Als Damir Kreilach nach dem Dauerlauf im Medienraum des 1. FC Union erschien, waren seine Augen nicht mehr so stark gerötet wie am Vorabend, als er mit seinen Kollegen eine trostlose Heimfahrt aus Braunschweig angetreten hatte. „Schade, schade, schade“, das waren seine einzigen Worte gewesen, ehe er seine Sporttasche im Busbauch verstaute.

Der ehemalige Kapitän Kreilach, der aktuelle Spielführer Felix Kroos, der Abwehrchef Toni Leistner, der Klubboss Dirk Zingler − alle hatten sie nach dem 1:3 in Braunschweig Tränen der Enttäuschung in den Augen und ein Gefühl der Leere im Herzen. Union-Präsident Dirk Zingler war der Erste, der sich mit einem Schulterzucken und einem kurzen Lächeln oben auf der Tribüne von dem Frust zu lösen versuchte. Felix Kroos probierte es da eine Etage tiefer noch mit Trotz: „So lange es theoretisch geht, warum sollen wir es nicht versuchen?“

Aber die Aussichtslosigkeit ist dann doch irgendwo zwischen Braunschweig und Berlin allen bewusstgeworden − bei sechs Punkten und sechs Toren Rückstand in zwei Spielen. Aufstieg fürs Erste abgehakt. So seltsam es klingen mag: Diese ernüchternde Erkenntnis war die Bedingung dafür, dass sich am nächsten Morgen frühlingshafter Aufbruchssingsang in die Union-Tristesse mischen konnte. „Für uns war es das erste Mal, dass wir oben mitgespielt haben“, sagte Kreilach. „Aus solchen Situationen müssen wir lernen und ich hoffe, dass das nächste Saison unser großer Vorteil ist.“

Geile Saison, tiefe Narben

Trainer und Spieler haben Abstand genommen von der Vorstellung, es diese Spielzeit doch noch irgendwie in die Bundesliga zu schaffen. An dem unrealistisch gewordenen Traum festzuhalten würde bedeuten, weiter mit der Vergangenheit zu hadern. Mit dem Spiel in Hannover, mit dem die ganze Misere ihren Anfang genommen hat − nach einer ordentlichen ersten Hälfte verlor Union den Faden, die Partie und die Tabellenführung. Mit dem Spiel in Düsseldorf, in dem trotz Zwei-Tore-Führung zwei Punkte auf der Strecke blieben. „Das war im Nachhinein gesehen der Knackpunkt“, sagte der damalige Torschütze Philipp Hosiner. „Wenn wir das gewinnen, ist das Selbstvertrauen wieder da.“ Stattdessen holten die Berliner nach der Eroberung des ersten Platzes lediglich sieben Punkte aus sieben Spielen. Es fehlte an Erfahrung und Cleverness.

Es kann tiefe Narben in einer Sportlerseele hinterlassen, wenn der ersehnte Triumph knapp verpasst wird. Wenn alles wieder auf null gestellt wird, wenn die Erfolge nichts mehr wert sind. Wenn die Belohnung für Schweiß und Schmerzen ausbleibt. Schon manch gut platzierter Zweitligist fand sich ein Jahr später am anderen Tabellenende wieder, der Kader gefleddert, die Spieler demoralisiert.

Ein Ziel knapp zu verfehlen, kann aber auch ein Ansporn sein, es beim nächsten Mal noch besser zu machen. Man möchte sich an das Gute erinnern. „Wir haben eine geile Saison gespielt“, sagte Kreilach, „und wir haben Vereinsgeschichte geschrieben. Keiner hat so viele Punkte geholt wie wir.“

Acht auslaufende Verträge

Zurück in der heimischen Kabine hat Coach Jens Keller seiner Mannschaft mitgeteilt, dass er stolz sei, wie sich die meisten seiner Fußballer in seinem ersten Amtsjahr entwickelt haben: „Nächste Saison wollen wir neu angreifen.“ Wieder bei null anzufangen hat ja auch den Vorteil, nicht sechs Punkte zurückzuliegen. Und im Sommer kann Keller den Kader auf manch Position nach seiner Vorstellung umgestalten, was vergangenen Sommer nicht in gleichem Maße möglich war. Er war ja neu bei Union.

Die größte Gefahr scheint indes gebannt zu sein. Auch wenn acht Verträge im Sommer auslaufen (Christopher Trimmel, Roberto Puncec, Benjamin Kessel, Raffael Korte, Maximilian Thiel, Benjamin Köhler, Emanuel Pogatetz und Adrian Nikci), der Kern des Teams wird wohl gemeinsam noch einen weiteren Anlauf in Richtung Bundesliga nehmen. „Ich denke, dass hier viele Spiele hierbleiben werden. Es kann nur ein großer Vorteil für uns sein, dass die Mannschaft zusammenbleibt. Jeder Spieler kennt jeden“, sagte Kreilach. „Wir wollen nachlegen und einen der ersten drei Plätze belegen.“

Nächstes Jahr wird mehr möglich sein

Hosiner, der nach wiederholten Verletzungsproblemen erst in der Rückrunde richtig in Form gekommen ist, hat bezüglich der Erfolgsaussichten eine besonders Mut machende These aufgestellt: „Als Vierter weiß man, dass man eine gute Saison gespielt hat und die Mannschaften, die besser waren, sind aufgestiegen. Es ist selten, dass die Bundesligaabsteiger wie diese Saison durchmarschieren. Nächstes Jahr wird vielleicht mehr möglich sein als dieses Jahr.“

In der Tat sieht es momentan nicht so aus, als ob aus dem Oberhaus übermächtige Konkurrenz hinzukommen wird. Und dass der Rest in Schach gehalten werden kann, das ist die positive Lehre aus dieser Saison. Klappt es allerdings nächstes Jahr wieder nicht, könnte der stabile Kern des Teams auseinanderbrechen. Viele kommen dann in ein Alter, in dem sie ihre letzte Karrierechance auf die Bundesliga woanders suchen. Kreilach, 28 Jahre alt, und Hosiner, 27 Jahre, sind bei aller Zuneigung für Union solche Kandidaten.