Am Sonntagabend wird Peter Ducke, der beste und spektakulärste Fußballer, der bislang das Trikot des FC Carl Zeiss Jena trug, wieder einmal an den Ort zurückkehren, wo er einst seine Fans mit Toren und Tricks verzückte – ins Ernst-Abbe-Sportfeld. „Ja“, sagt der 76-Jährige am Telefon, „ich habe eine Einladung von meinem Lieblingsverein für das Pokalspiel gegen Union Berlin bekommen.“ Ducke sagt das ein wenig süffisant, denn das Verhältnis des ehemaligen Mittelstürmers zum FC Carl Zeiss ist ambivalent. Nicht immer haben die Kluboberen in der Vergangenheit Peter Ducke – einen Mann, der immer offen und auch drastisch seine Meinung kundtat – so behandelt, wie er sich das gewünscht hätte. Er eckte oft an. Doch das ist Vergangenheit. Das Idol der Jenaer Fußballfans aus den Sechzigern und Siebzigern lebt mit seiner Frau im 1 100-Einwohner-Dörfchen Großschwabhausen, acht Kilometer von Jena entfernt. „Mir geht es gesundheitlich gut“, erzählt er. Nur das geliebte Fußballspielen hat er inzwischen eingestellt.

Ducke lief einst in 352 DDR-Oberligaspielen für Jena auf, in denen er 153 Tore schoss. Dazu kommen 68 Länderspiele mit 15 Treffern. „Ich weiß“, sagt er mit Blick auf den Sonntagabend, „das Duell gegen Union reißt mal wieder alte Wunden auf. Doch das ist nicht schlimm. Das gehört dazu.“

Wenn der Drittligist Jena in der ersten Runde des DFB-Pokals den etablierten Zweitligisten und alten Rivalen 1. FC Union empfängt (18.30 Uhr/Ernst-Abbe-Sportfeld) ist auch viel Nostalgie dabei. Am 9. Juni 1968 spielte sich in Halle/Saale durchaus Historisches im DDR-Fußball ab. Im FDGB-Pokalfinale standen sich der frischgebackene DDR-Meister FC Carl Zeiss Jena und der krasse Außenseiter 1. FC Union Berlin gegenüber. Viel ist über dieses Duell geschrieben worden, weil Union am Ende sensationell mit 2:1 siegte und die Berliner Spieler nach Schlusspfiff den 37 Kilo schweren Pokal in die Luft stemmen konnten. Noch heute werden die Cupsieger von vor 50 Jahren an der Alten Försterei wie Helden verehrt und als „Fußball-Götter“ gefeiert, wenn sie bei einem Heimspiel auf der Tribüne erscheinen.

Peter Ducke wurde im Endspiel 1968 von Jenas Trainer Georg Buschner, später allmächtiger DDR-Nationalcoach, erst in der 70. Minute beim Stand von 2:1 für Union eingewechselt. Viel zu spät, sagen Zeitzeugen. Ducke erklärt nun: „Ich hatte 1966 in Mexiko in einem Testspiel gegen Sparta Prag einen doppelten Schien-und Wadenbeinbruch erlitten und fiel danach 13 Monate komplett aus. Ich bin dann 1968 meist sporadisch eingesetzt worden und war auch gegen Union noch nicht voll auf der Höhe. Aber die Berliner haben damals verdient gewonnen.“

Sehr unterschiedliche Saisonziele

Wenn der 1. FC Union am Sonntagabend als Favorit nach Jena kommt, wird das Ernst-Abbe-Sportfeld mit 10 600 Zuschauern komplett ausverkauft sein. Rund um das Paradies, so heißt das idyllische Gebiet am Ufer der Saale in Stadionnähe, wird es hektisch zugehen. Andreas Trautmann, langjähriger Pressechef des FC Carl Zeiss, sagt: „Auch wenn wir 1968 das Finale gegen Union verloren haben, wollen wir doch 50 Jahre danach daran erinnern. Einige Spieler von damals haben wir eingeladen.“ Das sind neben Peter Ducke auch Helmut Stein, Dieter Scheitler oder Rainer Schlutter.

Das durchaus brisante Pokalspiel wird schon die zweite Begegnung der beiden Mannschaften binnen kurzer Zeit sein. Am 1. Juli hatte sich Union die Jenaer als Gegner zum eigenen Saisonauftakt eingeladen. Das Spiel, das auch als Hommage an das Pokalfinale von 1968 gedacht war, endete vor 11 000 Zuschauern 1:1. Unions Präsident Dirk Zingler hatte zuvor eine beeindruckende Skulptur eingeweiht, die an den Triumph der 68er-Helden erinnert und längst zum begehrten Fotomotiv für Fans und Besucher der Alten Försterei geworden ist.

Nach dem freundschaftlichen Test wird es nun ernst im DFB-Pokal zwischen Jena, dem aktuellen Tabellen-Siebten der Dritten Liga, und Union, dem Sechsten der Zweiten Bundesliga. In der Meisterschaft könnten die Saisonziele der beiden Vereine nicht unterschiedlicher sein. Union strebt wieder einmal nach dem Aufstieg in die Erste Bundesliga, für Jena zählt im zweiten Jahr in der Dritten Liga nur der Klassenerhalt.

Als dem Klub aus Thüringen ausgerechnet Union im Pokal zugelost wurde, war man dort durchaus erfreut. Geschäftsführer Chris Förster, 46 , sagte selbstbewusst: „Das ist eine machbare Aufgabe!“ Unions Geschäftsführer Profifußball Oliver Ruhnert, 45, sprach von einem „attraktiven Los. Aber es hätte sicher einfachere Gegner für uns in der ersten Pokalrunde geben können.“

In Jena, der FC qualifizierte sich als Landespokalsieger Thüringens (5:0 gegen Wismut Gera im Finale) für den DFB-Pokal, hält man Union nicht für eine besonders starke Pokalmannschaft. Im Gegensatz zur eigenen Pokalhistorie. In den zurückliegenden 13 Jahren konnte das Team aus Köpenick nur einmal ins Achtelfinale des DFB-Pokal einziehen und schied dort gegen den 1. FC Kaiserslautern aus. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Immerhin erreichte der 1. FC Union unter dem bulgarischen Trainer Georgi Wassilew 2001 das DFB-Pokalfinale und unterlag dem FC Schalke 04 im Berliner Olympiastadion mit 0:2. Hätten Sven Beuckert, Steffen Menze oder Ronny Nikol damals den Favoriten bezwungen, würden wohl heute gleich zwei Skulpturen an der Alten Försterei zu bewundern sein.

Von Pelé geadelt

Dennoch, Jenas Pokalqualitäten waren zu DDR-Zeiten und auch im wiedervereinigten Deutschland stets hoch. Zwischen 1961 und 1988 spielte Jena 87 Mal im Europapokal. Viele Duelle sind legendär, etwa das 3:1 gegen Ajax Amsterdam mit Johan Cruyff 1970 oder das 4:0 gegen den AS Rom zehn Jahre später. 1981 scheiterte das Team von Trainer Hans Meyer im Finale des Europacups der Pokalsieger an Dynamo Tbilissi (1:2). Und auch die Nachfolger der Duckes, Steins, Kurbjuweits, Vogels oder Lindemanns sorgten ab und an für Überraschungen im DFB-Pokal. 1993 siegte Jena bei Borussia Dortmund vor 80 000 Zuschauern mit 1:0. In der Saison 2007/08 wurden Nürnberg, Bielefeld und Stuttgart ausgeschaltet, ehe man an Dortmund scheiterte. Und 2015/16 verließ der Hamburger SV mit 2:3 nach Verlängerung geschlagen das Ernst-Abbe-Sportfeld. Jena spielte damals noch als Viertligist.

Natürlich hat für Jena im Moment die Meisterschaft Priorität. Trainer Mark Zimmermann sagt: „Ziel ist der Klassenerhalt. Wir müssen versuchen, von Beginn an stabile Leistungen zu bringen. Ein Erfolg im Pokal wäre natürlich auch toll und ein Schub für die Liga.“ Im oft aufgeregten Umfeld in Jena ist Zimmermann eine Konstante und seit 2004 im Verein, zuerst als Spieler, später als Co-Trainer und seit 2016 als Chefcoach. Der FC Carl Zeiss hat im Sommer zwei wichtige Akteure verloren. Stürmer Timmy Thiele und Mittelfeldmann Jan Löhmannsröben wechselten beide zum 1. FC Kaiserslautern. Thiele (elf Treffer in 22 Spielen) erlangte gar überregionale Bekanntheit, als er beim Duell gegen Wehen/Wiesbaden (4:3) binnen 24 Minuten alle vier Jenaer Treffer erzielte. Immerhin bekam Jena für Thiele eine Ablösesumme in Höhe von 325.000 Euro. Aber auch Union verlor in Steven Skrzybski einen sehr wichtigen Profi an den FC Schalke 04. Während die Berliner noch immer nach einem weiteren Angreifer fahnden, ist Jena fündig geworden. Philipp Tietz, 21, wurde vom SC Paderborn ausgeliehen. Der Mittelstürmer besitzt mit 1,90 Meter ein Gardemaß. Tietz soll am Sonntag gegen Union sein Debüt geben.

Peter Ducke, den der Brasilianer Pelé in den Sechzigerjahren adelte, als er Ducke zu den „zehn besten Stürmern der Welt“ zählte, wird natürlich als Stadiongast besonders auf die Angreifer achten. Beim nochmaligen Blick zurück sagt er: „Ich freue mich, dass sie bei Union den Pokalsiegern von 1968 ein Denkmal gesetzt haben.“ Ducke fragt etwas spöttisch: „Ob man das auch einmal für mich und meine Mitspieler von einst in Jena tun wird?“