Union Berlin beim SV Sandhausen: Unions Rückfall in die Ratlosigkeit

Die letzte Szene war exemplarisch für den irrlichternden Auftritt des 1. FC Union in Sandhausen. Sebastian Polter klärte den heranfliegenden Ball in bester Verteidigermanier vor Damir Kreilach zum Abstoß für die Gastgeber. Damit war das 0:1 (0:0) besiegelt und die Erkenntnis: Wer viel wagt, hat als Union-Trainer längst nicht gewonnen. Denn der Kader ist doch nicht so ausgeglichen, als dass Jens Keller nach Belieben rotieren kann.

Die Hälfte der Feldspieler hatte Keller ausgetauscht. Was als Belastungsaufteilung mit dem psychologischen Nebeneffekt eines Motivationsschubs für die Ersatzkräfte gedacht war, stellte sich jedoch als stabilitätsgefährdend heraus. Ohne Simon Hedlund fehlte der Schwung, ohne Sebastian Polter die Wucht und ohne Christopher Trimmel die Gefahr nach Standards. Das waren die drei freiwilligen Wechsel. Zudem hatten die angeschlagenen Toni Leistner und Felix Kroos die Reise nach Süddeutschland gar nicht erst angetreten. Dafür begannen Atsuto Uchida, Christoph Schösswendter, Philipp Hosiner, Steven Skrzybski und Stephan Fürstner.

Hosiner bekam nur hohe Bälle

Ausgerechnet den Angreifer mit der besten Form rauszunehmen, Hedlund hat inklusive Pokal vier Treffer in sieben Partien erzielt, war riskant, und wenn hinter dem Verzicht auf Polter der Plan stand, der kopfballstarken Abwehrreihe des SV Sandhausen mit spielerischen Mitteln beizukommen, so wurde dieser nicht ansatzweise umgesetzt. Der Ball flog immer hoch in Richtung des hilflosen Hosiner.

Nach elf und 23 Minuten war Union nah dran am Erspielen einer Torchance, das war es in der Offensive. Auf der anderen Seite des Spielfelds ließ das für die Absicherung der rechten Seite zuständige Trio aus Uchida, Schösswendter und Akaki Gogia gleich zu Beginn Lucas Höler ungestört durch den Strafraum spazieren und Philipp Klingmann bedienen; Fabian Schönheim rettete auf der Linie.

Totale Passivität

Die neu ins Team beorderten Unioner präsentierten sich nicht gut, der verbliebene Rest der Stammelf aber nicht besser. Es war ein Rückfall in die Ratlosigkeit − ein Zustand, der unter Keller überwunden zu sein schien. An der Seitenlinie mahnte der Coach wiederholt mehr Ballbesitz und Sicherheitsdenken an, Kontrolle und Ruhe. Doch mit jeder Minute ließen sich seine Fußballer den hektischen Stil vom Gegner noch ein bisschen mehr aufzwingen. Die Pass-, Dribbel- und Laufwege blieben bis zum Schlusspfiff verschlossen. Daran änderte sich auch nach einer Stunde mit der Hereinnahme von Hedlund und Polter nichts. „Wir haben den Druck nicht erhöhen können“, stelle Keller nachher fest.

In der Verzweiflung gegen die beste Abwehr der Liga wurden die Zuspiele irgendwann so ungenau, dass selbst die sprintstärksten und gedankenschnellsten Fußballer des Planeten nicht herangekommen wären. „Wir wollten zu Null spielen und den Punkt mitnehmen“, sagte Schönheim. „Das muss reichen, wenn nach vorne nichts klappt.“

Sandhausen nutzte den Moment der totalen Passivität

Alleine auch das mit dem Tore Verhindern funktionierte wieder mal nicht. Dabei hatte Union noch Glück, dass es keinen Strafstoß gab, als Marcel Hartel kurz nach dem Seitenwechsel Höler umgrätschte und später vor eben diesem gerade noch klären konnte. Dazwischen reichte ein Moment der totalen Passivität, um Leart Paqarada den Siegtreffer zu ermöglichen. Langer Einwurf von der rechten Seite über die halbe Feldbreite, Direktabnahme aus 22 Metern, Tor. Es war bereits der dritte Gegentreffer der Saison, der aus einem Einwurf resultierte.

Während Sandhausen nun so viele Punkte gesammelt hat wie Union vor einem Jahr nach sieben Spieltagen, hängen die Eisernen mit nur neun Zählern weit hinter der eigenen Erwartung zurück. Keller hatte sich schon über drei Partien ohne Sieg geärgert, jetzt dauert die Erfolglosserie fünf Spiele. Das gab es zum letzten Mal unter Norbert Düwel, der dann von Sascha Lewandowski abgelöst wurde.

Ein Trainerwechsel steht trotz der zweiten Saisonniederlage nicht ins Haus, doch ist Keller jetzt erstmals seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016 als echter Krisenmoderator gefordert. Als in der vergangenen Saison der Aufstieg verspielt wurde, war das ein Abrutschen auf hohem Niveau. Das Fatale ist nun: Anstatt Kräfte zu sparen, hat die Rotation dem Team die Sicherheit genommen. (mbo.)