Tijani Belaid wartet. Erst gehen seine Kollegen, mit denen er zuvor durch den Wald getrabt ist. Während die anderen in Richtung Dusche ziehen, setzt sich der tunesische Mittelfeldspieler auf eine Bank am Rande des Trainingsplatzes des 1. FC Union Berlin. Nach einer Weile geht auch Trainer Uwe Neuhaus. Belaid wartet. Zuletzt verlassen jene den Rasen hinter der Alten Försterei, die am Vortag beim Test gegen den VfB Lübeck nicht oder nur kurz zum Einsatz gekommen sind und daher ein ausgiebigeres Training absolvierten. Und Belaid? Er wartet.

In weniger als zwei Monaten wird Belaid 25 Jahre alt. Ein knappes Vierteljahrhundert also, in dem er lernen musste geduldig zu sein – geduldig mit sich, seinem Körper und Dingen im Leben, die passieren, ohne dass der Mensch darauf Einfluss nehmen kann.

Mit 16 von Inter entdeckt

Als er 16 Jahre alt war, entdeckte ihn ein Talentscout von Inter Mailand. Zwei Jahre später lief er erstmals für die Nationalmannschaft Tunesiens auf. Zwar ist Belaid in Paris geboren und hat die französischen Jugendauswahlteams durchlaufen, doch er fühlte: „Tunesien ist das Land meiner Eltern und meines Herzens.“ Er wurde zweiter Kapitän der Nationalmannschaft, es lief gut – bis zum Neujahrstag 2008.

„Ich bin losgefahren, um den Afrika-Cup mit Tunesien zu spielen und habe mich im Gefängnis vor dem Fernseher wiedergefunden“, erzählt Belaid. Auf dem Weg zum Trainingslager wurde er in einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang verwickelt. Das Gericht urteilte später, dass der Fußballer keine Schuld trage. Ein entgegenkommendes Fahrzeug hatte die Mittelleitplanke durchbrochen.

Der verpasste Afrika-Cup traf den Fußballer, der Tod mehrerer Personen, unter denen sich sein Begleiter befand, traf den Menschen. „Solche Erfahrungen lassen dich reifen und erwachsen werden“, sagt er heute.

Nach dem Schicksalsschlag

Viereinhalb Jahre nach dem Schicksalsschlag ist Belaid bei Union Berlin unter Vertrag. Woran er dachte, als er am Sonntag alleine am Trainingsgelände saß? An seine Großchance gegen Lübeck? Gerade eingewechselt, erlief er kurz nach der Halbzeit einen langen Pass. „Der muss reingehen“, sagt er später. Ging er aber nicht, und so wartete Union bis zur 81. Minute ehe Steven Skrzybski den sechsten Sieg im sechsten Testspiel sicherstellte (1:0).

Vielleicht schweiften seine Gedanken auch zurück zum 32. Spieltag der Vorsaison, als Union zu Gast war bei Fortuna Düsseldorf. „Die gleiche Situation“, erinnert sich Belaid. Den gleichen Ausgang verzeichneten die Statistiker. Belaid vergab die Chance zur Führung. Damals stand der Neu-Unioner unter Druck. Es ging um mehr als eine Torchance. Es ging darum, in seine Karriere als Fußballer zurückzufinden.

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Der Kampf um die Zukunft als Profisportler begann in der Saison 2009/2010. Der damals 22-Jährige spielte für Slavia Prag. Es waren seine „schönsten Jahre“ als Fußballer, er schoss sogar ein Tor in der Champions League. Aber dann machte ihm sein Körper einen Strich durch die Karriereplanung, genauer gesagt die Schilddrüse. Für Belaid war das schwierig: „Ich wusste nicht, wie lange die Pause dauert.“ Im April 2010 spekulierten französische und tschechische Medien sogar über sein Karriereende. Das war aus der Luft gegriffen, aber es dauerte acht Monate, bis Belaid wieder Fußball spielen konnte.

Ein Jahr, drei Vereine

Im Januar 2011 stellte ihn Slavia Prag frei, in die Nationalmannschaft wurde Belaid seitdem nicht mehr berufen. Als er ein Jahr später bei den Eisernen unterschrieb, war dies sein dritter Verein innerhalb eines Jahres. Bei Hull City war er nur zu acht Einsätzen gekommen, bei der Überraschungsmannschaft der Champions League, Apoel Nikosia, klappte es ebenso wenig.

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Obwohl er bei seinen ersten Auftritten für Union nicht immer überzeugte und das Spiel gegen Düsseldorf nach seiner vergebenen Torchance verloren ging, verlängerten die Berliner seinen Vertrag. Nun will er beweisen, dass der Verein gut daran getan hat. „Jetzt kenne ich alle sehr gut. Das ist das Wichtigste“, sagt Belaid. Er habe Zeit gebraucht, um sich einzugewöhnen.

Union testet gegen Hibernian Edinburgh

Mittlerweile ist er angekommen. Er scherzt mit Teamkollegen, er lernt deutsch. „Wenn der Coach spricht, dann verstehe ich ihn“, versichert er lachend. Die nächste Möglichkeit, dies zu beweisen, hat er am heutigen Dienstag im Testspiel in der Alten Försterei gegen Hibernian Edinburgh (19.30 Uhr).

Möglich, dass er wieder erst eingewechselt wird. Der 24-Jährige wird das ebenso locker hinnehmen, wie er die sonntägliche Wartezeit absitzt. Die Verabredung wartet bei den Kabinen, er am Spielfeld. Andere würden das Missverständnis zum Anlass nehmen, um wütend davonzubrausen. Belaid hingegen freut sich, den Journalisten endlich gefunden zu haben. Er hat Schlimmeres erlebt und will vor allem eines: „Gewinnen und mit dem Ball spielen.“