Natürlich war auch die Marketingabteilung des 1. FC Union für den Fall des Klassenerhalts gut vorbereitet.
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BerlinDer Klassenerhalt ist für den 1. FC Union das glückliche Ende eines großen Abenteuers und die Basis dafür, dass diese ganz besondere Fußball-Story eine rasante Fortsetzung erfährt. Es ist die Story von einem Klub, der durch ein weiteres Jahr in der Bundesliga zweifellos einen Wachstumsschub erfahren wird. Der nun den nächsten Schritt machen kann, beim Wandel vom Stadtteilklub zu einem wichtigen Player in Deutschland. Denn das Potenzial, das die Eisernen einerseits als zweiter Hauptstadtklub, andererseits als Ostklub haben, ist enorm.

Hier die Metropole, in der es großes Interesse an einem Klub gibt, der mit seinem Wesen den von einem großzügigen, aber nicht uneigennützigen Geldgeber getriebenen Stadtrivalen Hertha BSC konterkariert. Es war ja schon beim Aufstieg, im Besonderen beim ersten Bundesliga-Derby der beiden Klubs im November vergangenen Jahres zu beobachten, welche Emotionen diese Gegensätzlichkeit freisetzt. Welche gesellschaftliche Durchdringung dieses Thema hat. Kann kontra Muss, Bodenständigkeit kontra Prätention, Big-Heart-Club kontra Big-City-Club. Es ist ein Leichtes, als vermeintlicher Underdog aus so einer Konstellation Sympathiepunkte zu gewinnen.

Dort der Osten, in dem es bei der Akquise von neuen Sympathisanten und Anhängern ob der kollektiven Schwäche von Klubs wie Dynamo Dresden, dem 1. FC Magdeburg oder Energie Cottbus eigentlich keine ernsthafte Konkurrenz gibt. Mal abgesehen vielleicht vom aufstrebenden RB Leipzig, der dann aber wohl eine doch ganz eigene Klientel anzieht. Die Voraussetzungen, um in den kommenden Monaten einen weiteren Entwicklungsschritt zu machen, sind für die Unioner also bestens. Kaum ein anderer Fußballklub in Deutschland erfährt landesweit derzeit so einen positiven Zuspruch wie der Selfmade-Club aus Berlin-Köpenick. Auch weil er durchaus ein bisschen sonderlich, aber doch immer bei sich ist.

Gleichwohl lohnt an dieser Stelle noch einmal ein skizzenhafter Blick zurück. Auf ein Jahr, in dem die Mannschaft von Trainer Urs Fischer ihre Widerstandsfähigkeit, ihre Fähigkeit zur Anpassung auf eindrucksvolle Weise unter Beweis gestellt hat. Ja, von einer Mannschaft kann da im besten Sinne des Wortes die Rede sein, von einem weitgehend störungsfreien, alles andere als selbstverständlichen Miteinander der Aufstiegshelden und der zahlreichen Zugänge. Und so ein Teamgeist ist als Markenzeichen eben fast genauso wertvoll wie eine Handvoll Starspieler.

Allerdings darf an dieser Stelle freilich nicht unerwähnt bleiben, dass die Eisernen bei der Etatplanung für die erste Bundesligasaison auch ein hohes Risiko gegangen sind und ein Abbruch der Spielzeit aufgrund der Corona-Pandemie deshalb den Verein gegebenenfalls in existenzielle Gefahr gebracht hätte. Doch das alles hatte letztlich ein Happy End.

Nun ist es im Fußball nicht anders als bei aufstrebenden Unternehmungen aus anderen Bereichen: Wer schnell wächst, läuft Gefahr, sich zu verwachsen. Läuft Gefahr, dass man ihn eines Tages gar nicht mehr wiedererkennt. Der FSV Mainz 05 – ein Klub, der von Lust und Leidenschaft bewegt wird? Das war einmal, weil sich herausstellte, dass dieses Charakteristikum doch vor allem an einzelne Personen geknüpft ist, in diesem speziellen Fall an Trainer wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel.

Die TSG Hoffenheim – ein Klub, der durch das ungehemmte Engagement von Milliardär Dietmar Hopp das „Böse“, andersherum aufgrund der fortschrittlichen Spielweise auch die Avantgarde im deutschen Fußball repräsentiert? Das war einmal, weil der SAP-Gründer sich irgendwann einmal mit der Mittelmäßigkeit begnügte.

Der FC St. Pauli – ein Kultklub? Auch das war einmal, weil von dem Kult irgendwann einmal alle etwas abhaben wollten und der Kult eben inzwischen nicht mehr von einer dementsprechenden Klubkultur getragen wird. Da ist nichts mehr wild, sondern vieles doch sehr gewöhnlich.

Der 1. FC Union scheint vor solchen Fehlentwicklungen grundsätzlich gefeit zu sein. Menschen aus Köpenick prägen da einen Klub für Menschen aus Köpenick. Menschen, denen allerdings auch bewusst ist, dass Bundesligafußball auf Dauer geradezu zwangsläufig auch den eigenen Klub verändert. Aber eben im besten Fall nur in Maßen.