Villach - Jens Keller scheut keine unbequemen Wahrheiten. „Das ist Toni Leistner“, rief er Christopher Quiring in der abschließenden Übungseinheit zu, „nicht Cristiano Ronaldo.“ Das sollte heißen: Lass dich von einem 1,90 Meter großen Verteidiger nicht einfach ausdribbeln. Die Erkenntnis, keinen Europameister in seinen Reihen zu haben, tat seinem euphorischen Fazit vor der Rückreise aus Villach keinen Abbruch. „Optimal“, sei der Aufenthalt in Österreich gewesen. „Wir konnten unser komplettes Programm durchziehen, und es gab keine Verletzten“, freute er sich. „Wir können mit dieser Mannschaft unsere Ziele erreichen.“

Die Vorgabe lautet, sich im Verfolgerfeld der Aufstiegsfavoriten Stuttgart und Hannover zu behaupten. „Danach kommen fünf Mannschaften auf einem Niveau. Da zählen wir uns auf jeden Fall dazu“, sagte Keller. „Da muss man schauen, dass man besser ist.“ Nach den zehn Tagen in Kärnten ist er guter Dinge, dass das gelingen kann. „Ich glaube, dass die Mannschaft sehr viel mitgenommen und auch schon viele Dinge umgesetzt hat, die wir von ihr verlangen.“

Zum vierten Mal innerhalb von zwei Jahren erlebt man beim 1. FC Union, welch motivierende Wirkung ein Trainerwechsel auf Spieler und Umfeld hat. Mit Ausnahme der Amtsübernahme durch den vormaligen Assistenten André Hofschneider war der Elan aber auch immer schnell wieder dahin. Und der Saisonstart ist ohnehin seit Jahren eine Köpenicker Problemzone. „Wir sind hier neu hingekommen und haben viele Dinge verändert. Deshalb interessiert mich nicht, was in der Vergangenheit liegt“, sagte Keller. „Ich habe auch nicht das Gefühl, dass das die Mannschaft irgendwie belastet.“

Selbst im abschließenden Test gegen den FC Watford aus der Premier League gelang seinen erschöpften Spielern beim 1:3 zumindest in der zweiten Halbzeit das Doppeln und das frühe Erobern des Balles ordentlich. Doch gab es auch weniger Gutes zu beobachten. Felix Kroos, dem der Trainer ein „gutes Passspiel und ein gutes Auge“ attestiert und der im Mittelfeld die Fäden ziehen soll, hat nach seinen Oberschenkelproblemen noch deutlichen Trainingsrückstand. Das gilt auch für Benjamin Kessel. Der andere Rechtsverteidiger, Christopher Trimmel, hat noch mit dem schnellen, kräftezehrenden Spiel zu kämpfen. Aber sein Traumtor am letzten Trainingstag war ein Lichtblick. „Ihr seid bei der EM ausgeschieden. Wie geht das?“, scherzte Keller.

Noch intensiver als in den Jahren zuvor

Die Stimmung ist so gut, dass humorige Spitzen vom Spielfeldrand mit Lachern quittiert werden. Sei es Quirings bedingte Abwehrbereitschaft oder Österreichs schwacher Auftritt bei der Europameisterschaft. Schließlich tummeln sich drei ehemalige österreichische Nationalspieler im Kader. „Ich habe das Gefühl, dass die Mannschaft mit sich im Reinen ist“, sagte Keller. Doch weiß er natürlich, dass der wirkliche Stimmungstest noch bevorsteht. „Wenn man die Plätze vergibt, und einer auf der Bank ist oder nicht im Kader. Dann wird man sehen, wie stark das Gefüge wirklich ist.“

Die Schufterei, um in Form zu kommen, ist in diesem Jahr noch intensiver als in den beiden vergangenen Sommern unter Norbert Düwel. Der schönste Trainingslagertag für Sören Brandy war daher wenig überraschend der Montag. Ein bisschen Lockern am Morgen, die zweite Tageshälfte frei.

Er läuft ja gerne, aber dieses pausenlose Angerenne des Gegners, das bedingungslose Halten der Abstände zu den Mitspielern ohne eine Verschnaufsekunde, das ist eine Tortur. Gegen Watford war nach 45 Minuten Schonung angesagt − der Rücken. Es wird eine harte Saison für den 31-Jährigen werden, vielleicht wird er oft nur als Joker zum Einsatz kommen. Die Qual war ihm ins Gesicht geschrieben.

Verbesserung von Innen

Bei Steven Skrzybski sieht es anders aus. Wer ihn beobachtet hat, möchte meinen, dass die Tage umso schöner waren, desto mehr er rennen durfte. Der 23-Jährige zählt zu den Gewinnern der Vorbereitung, ihm kommt Kellers Spielweise entgegen. Im ersten Test kam er als einziger Feldspieler über 90 Minuten zum Einsatz und war beim 3:2 gegen Udinese Calcio an allen Union-Toren beteiligt. Da die Mannschaft bis auf Bobby Wood zusammengeblieben ist, muss die angestrebte Verbesserung von innen kommen. Von Skrzybski, aber auch von Eroll Zejnullahu, 21, hängt einiges ab.

Auf Schalke hat Keller Spieler von Champions-League-Format trainiert, bei Union arbeitet er mit Zweitliga-Fußballern. Sein Vorgänger Sascha Lewandowski kam mit diesem Unterschied nicht zurecht. „Auch wenn es auf einem anderen technischen Niveau stattfindet, bleibt meine Vorstellung von Fußball genau die gleiche wie auf Schalke“, sagte Keller. „Die Mannschaft hat ein sehr gutes Potenzial. Dass wir noch bei dem einen oder anderen Spieler im technischen Bereich arbeiten müssen, ist normal.“ Die Trainingsbelastung will er nach der Rückkehr hochhalten, am Sonnabend steht in Cottbus (15.30 Uhr) der nächste Test auf dem Programm.