Unions Christopher Trimmel und Leon Bailey von Bayer Leverkusen treffen innerhalb weniger Tage zum zweiten Mal aufeinander. 
Foto: Matthias Koch

BerlinFällt im Zusammenhang mit dem 1. FC Union das Wort „Pokal“, um den es am Mittwoch, 18.30 Uhr, für die Eisernen bei Bayer Leverkusen im Viertelfinale geht, wandern die Gedanken nahezu wie von einem Magneten angezogen in diese Richtung: 1968. Kurt-Wabbel-Stadion in Halle. Triumph im Endspiel. Tore durch Meinhard Uentz und Ralph Quest zum 2:1 über Meister Carl Zeiss Jena. Das Ding mit Mäcki Lauck. Dazu die am Stammtisch stets gestellte Frage: Weißt du noch, wie Jimmy Hoge ganz zuletzt mit dem Ball nicht auf das Tor rannte, sondern sich an der Eckfahne verbarrikadierte, um die letzten Sekunden zu schinden?

Dann werden sie alle grinsen, sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, als hätten sie das Husarenstück selbst vollbracht oder zumindest dem Teufelskerl Hoge dazu geraten, sie werden in Glückseligkeit schwelgen und die Augen zum Himmel richten, wo der Tausendsassa seit seinem Tod im November 2017 dribbelt: Ach, der Jimmy …

Der Pokal erinnert an die Legende vom Schach

Es gibt viele Ansätze, sich mit den Eisernen dem Pokal zu nähern. Eine Annäherung gelingt übers Geld, über die Prämien, die aktuell so hoch sind wie noch nie. Bei 175 500 Euro erfolgt der Einstieg. Von Runde zu Runde wird die Prämie verdoppelt.

Das erinnert mich an die Legende vom Reiskorn und dem Schachbrett. Hämisch ausgelacht wird der Erfinder des königlichen Spiels, als er vom Herrscher für seine Idee in Reiskörnern bezahlt werden möchte – ein Reiskorn für das erste Feld, zwei für das zweite, vier für das dritte, acht für das vierte. Na ja, immer die doppelte Anzahl bis zum 64. Feld. Nun gut, der Pokal hat sozusagen nur sechs Felder, angefangen wurde mit der Prämie aber auch nicht bei eins. Beim vierten Feld sind wir und die Summe für jeden der Viertelfinalisten auf satte 2,632 Millionen Euro geklettert.

Foto: Berliner Zeitung
Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Für die Eisernen ein Batzen, wenn auch nicht vergleichbar mit den Reiskörnern. Diese Geschichte endet nämlich 20-stellig, die Zahl fängt mit Trillionen an. Der Lohn würde das Elffache der heutigen Weltproduktion an Reis ausmachen. Soweit sind wir im Fußball trotz aller Prämien-Explosion dann doch noch nicht. Ziemlich weit aber durchaus, denn 1968, was für eine Fallhöhe, stand für den Sensationstriumph, auch das eine Sensation, ein neuer Mannschaftsbus bereit.

Erinnerungen an das Wunder von Bern 1954

Ein anderer Ansatz geht über die, ich nenne sie: Zwillingsspiele. Solche Partien, in denen sich zwei Teams innerhalb kürzester Zeit zweimal gegenüberstehen. So wie es im Herbst gegen Freiburg innerhalb von zehn Tagen um Punkte (2:0) und im Pokal (3:1) ging und jetzt innerhalb von 18 Tagen zweimal gegen Leverkusen.

Das spektakulärste Zwillingsspiel stammt zweifellos von 1954, vom Wunder von Bern, als es gegen Ungarn zuerst 3:8 hieß und im Finale, wie jeder weiß, 3:2. Zwischen beiden Spielen liegen lediglich 14 Tage und eine, auch Union-Trainer Urs Fischer hat etwas von Rotation erzählt, auf fünf Positionen veränderte Elf. Da könnte durchaus was gehen.

Übrigens: Was dem Erfinder des Schachspiels widerfahren ist, findet, welcher Legende man auch immer glauben mag, hier ein gutes und da ein böses Ende. In der sympathischen Variante ist der Herrscher derart begeistert, dass er diesen Weisen zu seinem Berater ernennt. In der Horror-Version wird der Ur-Vater des Schachs einen Kopf kürzer gemacht, weil er den König veräppelt hat.

Fast wie im Pokal, wo das Weiterkommen möglich ist und eine neuerliche Verdopplung der Prämie um weitere 2,808 Millionen Euro. Oder das für diesen Wettbewerb sportliche Ende.