Für die Union-Fans ist die Sache klar: Ihr Team ist startklar für das Derby am Freitag im Olympiastadion.
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BerlinDerby! Das ist vielleicht noch einmal eine etwas andere Hausnummer als das Match am Sonntag gegen die Bayern. Das ist eine Partie, zu der selbst die gegnerischen Anhänger mit der S-Bahn anreisen können. Das ist ein Spiel, in dem die Emotionen kochen. Auf den Rängen meist mehr als auf dem Rasen. Das ist ein Ereignis, bei dem Helden geboren und später, an den Stammtischen, zu Legenden gemacht werden. Normalerweise.

Was aber ist schon normal in diesen Zeiten? Was, wenn die Eisernen die Ost-Kurve der Herthaner nicht fürchten müssen? Wobei: Nicht einmal das hat sie bei beiden Spielen einst in der Zweiten Bundesliga bei einem 2:1-Sieg und bei einem 2:2 gestört. Mit anderen Worten: In Pflichtspielen sind die Rot-Weißen im Olympiastadion unbesiegt.

Nur: Was wird das für ein Derby ohne Zuschauer, ohne Atmosphäre, ohne Pfiffe, Beifall, frenetischer Anfeuerung da und sichtbarer Enttäuschung dort? Sollte man dazu überhaupt Derby sagen? Wird es eine Partie, die nicht das Zeug dafür hat, in die Annalen einzugehen als Hingucker, sondern nur als Geisterspiel?

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Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Es gab einen schönen Spruch nach dem Wiederbeginn des Titelkampfes und nachdem die Fußball-Nationen Europas nach Deutschland geschaut haben, wie wir Organisations-Fetischisten das hinkriegen: Wenn der Schiedsrichter anpfeift, ist Bundesliga. Richtig! Wenn der Ball rollt, dann sind die Spieler auch im Zweikampf- und im Laufmodus. Nichts sollte sie davon abhalten, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen.

Genau das haben die Rot-Weißen gegen die Bayern getan. Und zwar mehr als die Münchner und mehr als alle anderen bei ihrer Rückkehr auf die große Bühne. 123,52 Kilometer haben sie als Mannschaft abgespult. Auch wenn es nicht geholfen hat gegen den deutschen Rekordmeister, so ist genau das das Spiel, das die Männer aus der Wuhlheide beherrschen, womit sie noch jeden Gegner beeindrucken und das sich als so etwas entwickelt hat wie „Made in Alte Försterei“.

Es ist diese Art und Weise, die ihnen auf den Leib geschneidert ist. Geradlinig, schnörkellos, für manchen Schöngeist der Balltreterei etwas einfach in der Struktur, aber liegt im Purismus nicht auch ein wenig der Glanz von Reinheit, von Schönheit, von, ja, auch Klassik?

Das ist es, was die Fans begeistert. Ganz hohe Kunst ist es, wenn sie wie das österreichische Wunderteam um den grazilen Matthias Sindelar, diese „goldene Elf“ der Ungarn um Ferenc Puskas, die größte Selecao aller Zeiten um den göttlichen Pelé, auch die einmalige deutsche Mannschaft um den „Kaiser“, um Franz Beckenbauer, und auch die Holländer um den großen Johan Cruyff oder die Spanier um ihren Tiki-taka-Xavi nahezu alles in Grund und Boden spielen. Da vereinen sich Klasse und Kunst, da schnalzen die Fans mit der Zunge.

Das aber ist nicht der 1. FC Union. Das war er noch nie. Die Seele dieses Teams ist eine andere, eine aus der Tradition geborene. Um es ganz schmalzig zu sagen: Es sind und bleiben die Schlosserjungs. Das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Das, was die Rot-Weißen können, können sie (selbst wenn sie von allen am meisten auf ihren 12. Mann angewiesen sind und nur höchst widerwillig auf ihn verzichten) auch ohne Zuschauer. Vielleicht besser als manch anderer. Und vielleicht sogar im Derby, dieser noch etwas anderen Hausnummer. Denn Helden und Legenden lassen sich nicht einmal von Geisterspielen stoppen.