Union Berlin: Eiserne diskutieren die Niederlage in der 2. Liga auf St. Pauli

Hamburg - Gibt es das? Zu viel des Guten? Sollte die große Stärke der Unioner gegen St. Pauli tatsächlich zur entscheidenden Schwäche geworden sein? Diese Frage wurde nach dem dramatischen 2:3 von Spielern und Trainer Urs Fischer intensiv diskutiert. „Wenn du innerhalb von so kurzer Zeit zwei Buden machst, ist natürlich Aufwind da“, sagte Grischa Prömel, ein Vertreter der Geh-aufs-Ganze-These. „Wenn du so nah dran bist, willst du das 3:2 machen. Ich glaube, da wäre noch was gegangen“, fügte Prömel in den Katakomben des Stadions am Millerntor an. Marvin Friedrich gehörte zur Abteilung Nummer sicher: „Vielleicht müssen wir dann cleverer spielen“, kritisierte er. „Mit dem 2:2 muss man dann auch mal zufrieden sein.“

Aber war es wirklich falsch gewesen, den verdienten Lohn für eine insgesamt gut geführte Partie einzufordern und auf den Sieg zu drängen? Wohl nicht, auch wenn es im engen Aufstiegsrennen schmerzt, drei Zähler auf den direkten Konkurrenten verloren zu haben. Denn gerade der unerbittliche Glaube an den späten Erfolg hat Union in dieser Saison schon viele Punkte und den Respekt der Gegner eingebracht. Sogar Alexander Meier, der in der Nachspielzeit per Elfmeter die Berliner Niederlage besiegelte, rechnete nach dem Ausgleich mit dem Union-Sieg, und St.-Pauli-Coach Markus Kauczinski sagte: „Union war die reifere Mannschaft, körperlich sehr stark. Nach dem Ausgleich haben die Nerven geflattert, und in der 90. Minute habe ich gedacht, dass ich mit dem Unentschieden gut leben kann.“

„Wir haben es übertrieben“

Während sich die Hamburger vor den Spielern der Kategorie Prömel fürchteten, hätte sich Unions Trainer Urs Fischer mehr ruhiges Friedrich-Blut gewünscht. „Wir haben es übertrieben“, sagte er. „Die Jungs hören einen nicht mehr bei dieser Atmosphäre.“ Er weiß jedoch, was er an seinen nie aufgebenden Fußballern hat. Gerade Prömel, dessen Fehlen sich vor Weihnachten deutlich bemerkbar gemacht hatte, hat sich zum Spezialisten der Kurz-vor-Abpfiff-Treffer gemausert.

Im Hinspiel gegen St. Pauli und gegen Bielefeld war er in der 44. Minute erfolgreich, gegen Kiel in der 90., und nun war ihm in der 84. Minute das Anschlusstor gelungen, Suleiman Abdullahi keine eineinhalb Minuten später der Ausgleich. „Die Jungs haben das gut gemacht, sich aber schlussendlich nicht belohnt“, sagte Fischer. Den Blick nach vorne: „Beim nächsten Mal weißt du Bescheid.“

„Ein bisschen übereifrig“

Dass eben jener Abdullahi dann ein unnötiges Foul im eigenen Strafraum beging und den entscheidenden Elfmeter verschuldete, erzürnte zwar Rafal Gikiewicz (Nummer sicher), weil „aus der Position besteht keine Chance, ein Tor zu schießen“, fand aber Verständnis bei Prömel: „Vielleicht war er ein bisschen übereifrig nach seinem Tor.“ Wegen dieses Eifers hatte Fischer den Angreifer ja eingewechselt beim Stand von 0:2 zwölf Minuten vor Schluss – zusammen mit Berkan Taz, dem Debütanten aus Unions Nachwuchsabteilung.

Erstaunlich wie selbstverständlich sich der 20-Jährige wie der zuvor gebrachte Akaki Gogia der Geh-aufs-Ganze-Fraktion anschloss. Keine fünf Minuten vergingen, da feuerte er einen gefährlichen Schuss ab. „Berkan Taz kommt rein und spielt, als habe er schon 100 Spiele auf dem Buckel“, lobte Prömel. „Der traut sich was zu.“ Auch Fischer applaudierte: „Berkan hat Leben ins Stadion gebracht.“

Wechsel ohne Einbruch

Neben Prömels Wirken und dem Taz-Einstand gab es trotz der Niederlage weitere erfreuliche Erkenntnisse aus Union-Sicht: Felix Kroos füllt die offensive Rolle im Mittelfeld richtig gut aus, und trotz vier Wechseln in der Startformation war kein Leistungsbruch zu erkennen. Dazu kommt Carlos Mané, dessen Fähigkeiten zwar erst in Ansätzen bei Dribblings und Flanken zu sehen waren, die Mitspieler aber dennoch euphorisch stimmen. „Er verstärkt unseren Kader extrem“, sagte Prömel. „Er hat eine super Ruhe am Ball, was der für eine Dynamik hat, tut jeder Mannschaft gut. Union wird mit Carlos Mané noch viel Spaß haben.“