Erst wenn der Druck von einer Mannschaft abfällt, zeigt sich, wie groß dieser tatsächlich war. Nach dem 1:0 des 1. FC Union beim FC St. Pauli verloren sich die Sieger jedenfalls im feurigen Jubel. Präsident Dirk Zingler beispielsweise rannte nach dem Schlusspfiff wie von der Tarantel gestochen auf den Rasen. Er fiel Felix Kroos ungestüm in die Arme und riss den überraschten, aber glücklichen Kapitän fast zu Boden. Im Anschluss schnappte sich Zingler der Reihe nach die anderen Spieler – und natürlich auch Trainer André Hofschneider. „Im Abstiegskampf zählen diese drei Punkte doppelt“, sagte Marc Torrejón und pustete kräftig durch.

Die Erleichterung sei riesig, fügte der Abwehrspieler an. In der Tat: Der 1:0 (0:0)-Sieg gegen Kellernachbar FC St. Pauli war der dringend benötigte Befreiungsschlag für die Rot-Weißen. 40 Punkte hat Union nach dem ersten Dreier nach zuvor fünf sieglosen Begegnungen jetzt auf der Habenseite. Das müsste doch eigentlich reichen, um die Klasse zu halten. Doch was ist schon sicher in dieser völlig verrückten Zweiten Liga. Es sind ja nur drei Punkte auf den Relegationsplatz.

„Wir haben den Sieg zu zehnt erzwungen“

Also bremste Dennis Daube die Euphorie ein wenig: „Die Liga ist total brutal. Mit 40 Punkten sind wir noch nicht durch. Wir müssen noch aufpassen!“ Die Basis dafür, dass die Eisernen auch im kommenden Spieljahr in der Zweiten Liga auflaufen, wurde auf St. Pauli schon mal geschaffen. Weil die Köpenicker endlich mal wieder mit Herzblut und Leidenschaft zu Werke gingen. Kampf, Wille, Ehrgeiz – fußballerische und doch so lange vermisste Tugenden, die Union zeigte und die im Abstiegskampf auch bitter nötig sind. 

Dabei brachte die Unioner auch eine knapp vierzigminütige Unterzahl infolge einer Gelb-Roten Karte gegen Marvin Friedrich nicht aus dem Konzept. „Wir haben den Sieg zu zehnt erzwungen“, sagte Angreifer Steven Skrzybski. „Wir haben einen großen Kampf gezeigt – allen Widrigkeiten zum Trotz. Das Feuer ist bei uns noch da. Das hat jeder gesehen.“

3000 mitgereiste Union-Fans

Als die Schlussphase des Spiels angebrochen war und alles auf ein 0:0 zusteuerte, war auf einer der elektronischen Werbebande Folgendes zu lesen: „Nicht rumgurken – reinhau’n!“ Diesen Slogan nahm sich Simon Hedlund in der 80. Minute zu Herzen. Der Schwede erzwang mit seinem Schuss aus 16 Metern den Siegtreffer.

Sein so wichtiges Tor, das 3000 mitgereiste Union-Fans im Block in Ekstase versetzte, schilderte er hinterher so: „Der Ball kam irgendwie zu mir. Erst habe ich mit links geschossen – ziemlich schlecht, wie ich finde. Als der Ball dann zurückkam, habe ich direkt draufgehalten, nicht lange gewartet. Das war das wichtigste Tor für mich in dieser Saison. Für unseren Teamspirit ist der Sieg sehr wichtig.“

„Das war ein sehr gutes Zeichen"

In den Katakomben des mit 29.546 Zuschauern ausverkauften Stadions fielen Hedlund dann nach Abpfiff alle um den Hals. Der am Knie verletzte Sebastian Polter zum Beispiel, der seine Krücken beiseitelegte und den Kollegen herzhaft an sich drückte. Wie Polter waren übrigens auch die anderen verletzten Spieler mit nach Hamburg gereist: Parensen, Prömel, Karaman, Taz, Schösswendter und Dietz.

„Das war ein sehr gutes Zeichen. Es war die alleinige Entscheidung der Spieler“, erläuterte André Hofschneider. Nach dem ersehnten Erfolgserlebnis kann auch der zuletzt in die Kritik geratene 47-jährige Übungsleiter zumindest etwas durchatmen. Ein paar Tage lang.