München - Gibt es Gerechtigkeit im Fußball? Und wie soll diese überhaupt aussehen? Oft wird der vermeintlichen Gerechtigkeit ja noch ein Adjektiv vorgestellt: ausgleichend.

In der 61. Minute kam nun also Rubin Okotie im Strafraum des 1. FC Union zu Fall. Eher kein Elfmeter, so sah es auch der Schiedsrichter. Zwei Minuten fiel der Angreifer des TSV 1860 wieder, dieses Mal bekam er den unstrittigen Strafstoß. Der Ball landete am Pfosten, das Spiel endete 0:0. Und? War das gerecht? War es ausgleichend?

Wenn der Schiedsrichter die Aktion als Schwalbe wertet, muss er dem Angreifer die zweite Gelbe Karte zeigen und ihn somit des Feldes verweisen. „Der Spieler hätte nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen“, fand Norbert Düwel. Der Münchner Coach entgegnete: „Ich finde das langsam ein bisschen traurig. Der schmeißt sich nicht alleine vorm Tor hin“, sagte Torsten Fröhling. Womit er näher an der Wahrheit lag als Düwel. Aber Gerechtigkeit ist niemals eindeutig, sie hat immer zwei Blickwinkel – mindestens.

Hinzu kam nämlich noch eine kleine fußballspezifische Ungerechtigkeit. Okotie hatte bei der Spieleröffnung mit Elfmeterfolge viele Meter Vorsprung auf Benjamin Kessel. Das Regelwerk besagt aber, dass mit der Flanke eine neue Spielsituation beginnt. Daher kein Abseits, und Foul des hinterherhechelnden Kessels, der auch noch die Rote Karte bekam. „Man braucht sich nicht ärgern“, sagte Michael Parensen nach Abpfiff. So muss man das wohl sehen, wenn man als Sportler nicht an der Gerechtigkeitsfrage verzweifeln will.

Die passende Ausrede für alle Eventualitäten hätte der Stadionsprecher schon vor dem Anpfiff geliefert. „Der Vermieter hat vergessen, den Rasen zu mähen“, hatte er gesagt. Von Löchern durchzogen und von Traktorspuren zerfurcht war der Grund und Boden des FC Bayern, auf dem die Sechziger in Heimspielen antreten. Letztlich musste jedoch niemand eine Niederlage erklären. Stattdessen gestattete es der Spielverlauf dem Union-Trainer von seinem Stolz auf die Mannschaft zu erzählen.

Teil eins: „In der ersten Halbzeit haben wir den Plan bis auf die Torausbeute hundertprozentig umgesetzt“, sagte sich Düwel. „Eigentlich hat alles so funktioniert, wie wir es wollten.“ Einzig in den ersten drei Minuten drohten die Berliner im hohen Münchner Gras zu versinken. Erst drehte Stephan Hain den Ball an den Pfosten, dann kam Gary Kagelmacher frei zum Schuss. Nach einer Viertelstunde übernahm dann Union die Kontrolle, angetrieben von einer überraschenden Personalie.

Erstmals in dieser Saison griff Eroll Zejnullahu ein. Im Training hatte er zuletzt selbstbewusst den Chef vom Rest gegeben, in München ersetzte er auf der zentralen Position vor der Abwehr den Routinier Stephan Fürstner in der Startelf. „Er ist ein sehr schlauer Spieler, der auch unter Druck nie den Kopf verliert und eine unglaubliche Laufleistung abliefern kann“, erklärte Düwel seine Entscheidung. Und so übertrug er dem 20-Jährigen die Rolle als alleiniger Organisator zwischen den beiden Viererreihen. „Er bringt viel Ruhe in den Spielaufbau“, lobte Parensen hinterher.

Von den neun zu Saisonbeginn euphorisch begrüßten neuen Spielern hingegen waren in München also nur noch zwei dabei, und die Rückkehr zum bekannten Spielermaterial zahlte sich aus. In der 16. Minute schickte Damir Kreilach einen fulminanten Pass aus der eigenen Hälfte durch die Luft auf den Fuß von Steven Skrzybski. Ebenso hoch wie die Vorlage war leider auch der Schuss. Drüber. Zehn Minuten später hatte Skrzybski auch die nächstbeste Torchance der Eisernen. Einen Konter schloss der 22-Jährige selbstbewusst, aber ohne Blick für die mitgelaufenen Kollegen ab. Vorbei. „Da muss ich einfach das Tor treffen“, ärgerte sich der Angreifer. „Das tut mir leid für die Mannschaft.“

Nun aber zu Teil zwei von Düwels Stolz. In Hälfte zwei war lange der Wadenkrampf von Bobby Wood das Auffälligste, bis zur Roten Karte für Kessel nach dem Elfmeterfoul an Okotie. Somit war keiner der Neuen mehr auf dem Feld, denn Wood musste aus taktischen Gründen das Feld verlassen.

Die halbstündige Unterzahl stellte die nun defensiver eingestellten Unioner nicht vor allzu große Probleme. „In der zweiten Halbzeit war es eine sehr kämpferische und disziplinierte Leistung“, sagte daher auch Norbert Düwel. „Genau diese Tugenden haben wir im Training eingefordert.“ Gerecht fand er das Ergebnis wohl trotzdem nicht.