Es ist gemeinhin sehr förderlich, bei all seinem Tun und Handeln zuvor den Kopf einzuschalten. Nicht umsonst ist „Vorgetan und nachgedacht hat manchen in groß Leid gebracht“ im Volksmund als gar schöner Leit-Spruch überliefert. Der Philosoph René Descartes geht sogar noch einen Schritt weiter. Er postulierte mit „cogito, ergo sum“ den Gedanken als solchen, der das Menschsein überhaupt erst ermöglicht und ihn vom reinen Instinktwesen unterscheidet. Ein hehrer Ansatz, gewiss überall in der Welt zutreffend. Auf dem Fußballplatz hingegen sollte diese Maxime nicht zur allein gültigen erhoben werden.

Nirgends ist das besser festzumachen als an Unions Sturmführer Sebastian Polter. „Wenn es läuft, dann läuft’s“, kommentierte der seinen schon sechsten Saisontreffer, der in Regensburg beim 2:0 den Grundstein zum Erfolg legte und die Köpenicker vor dem Heimspiel an diesem Sonnabend (13 Uhr/Stadion An der Alten Försterei) gegen die SpVgg Greuther Fürth in eine höchst komfortable Situation gebracht hat. Unabhängig von der Tatsache, dass die Franken seit Unions Wiederaufstieg 2009 der ewige Heimschreck der Eisernen sind (sechs Siege, ein Remis), kann es gegen den Tabellenvorletzten nur um einen Heimerfolg gehen. Es wäre der vierte Sieg in Serie. Und Union nach einer zwischenzeitlichen Schwächephase von fünf Spielen ohne Sieg endgültig zurück im Aufstiegsrennen.

Drei Siege, neun Punkte, neun Tore − fünf davon gehen allein auf das Konto von Polter. Natürlich wäre es zu einfach, den Aufschwung allein an der wiedergewonnenen Treffsicherheit des 1,91 m großen Wilhelmshaveners festzumachen. Doch eine gewisse Abhängigkeit ist nicht zu leugnen. Und diese fünf Tore zeigen eben doch, wie wertvoll er für das Spiel der Köpenicker ist. Trainer Jens Keller betont zwar ständig, die anderen Fähigkeiten seines Angreifers ebenso wertzuschätzen − dessen Robustheit, die Fähigkeit Bälle festzumachen. Oder auch seinen Einsatzwillen. 46 Prozent gewonnener Zweikämpfe sind für einen Stürmer ein guter Wert und liegen fünf Prozent über dem Ligaschnitt. Aber Stürmer werden an Toren gemessen. Und messen sich auch selber daran.

„Müssen muss ich nichts“, betont Polter selbst. Aber er gibt zu, dass er sich einem gewissen Druck ausgesetzt hat in den Wochen zuvor, unbedingt der Mannschaft mit Toren helfen wollte. „Natürlich habe ich einen gewissen Anspruch an mich selbst. Meine Leistungen waren auch nicht so konstant. Dass man darüber nachdenkt, ist doch normal. Vielleicht habe ich es ein wenig zu lange gemacht“, sagt er.

Und hier kommt nun der Kopf ins Spiel. Besser gesagt aus dem Spiel. Polter hat durchaus eine Erklärung, warum er wieder regelmäßig trifft: Er hat das Denken eingestellt. „Wenn ich ins Grübeln komme, auch über vergebene Chancen, werde ich langsamer in meinem Spiel, was mich träge wirken lässt. Ich bin ein Spieler, der davon lebt, nicht nachzudenken, dann mache ich viele Sachen instinktiv richtig“, gibt er zu.

Seine drei Tore gegen Kaiserslautern vor knapp vier Wochen waren das dringend benötigte Schlüsselerlebnis, aus dem er nach Wochen des ewigen Ringens mit Schiedsrichterentscheidungen wieder in Spiele mit einem „anderen Selbstverständnis“ gegangen ist. Eines, das seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Und dem einer Spitzenmannschaft.