In einem Schwarz-Weiß-Film der Marx Brothers aus dem Jahr 1940 freuen sich die zwei Hauptprotagonisten Joseph und Rusty, dass es ihnen gelingt, den fahrenden Zug genau auf den Schienen zu halten. Obwohl keiner je eine Lokführerausbildung gemacht hat. Immer Holzscheite in die Feuerbüchse und schon pfeift der Dampfkessel.

Volle Kraft voraus, genauso hält es Jens Keller nun beim 1. FC Union. „Warum soll ich bremsen?“, fragt der Trainer die versammelte Journalistenschar und liefert die Erklärung mit passgenauer Logik: „Wenn man bremst, wird man langsamer, wenn man bremst, kommt man nicht schnell genug ans Ziel.“ Mit einem Sieg am Sonnabend (13 Uhr) in Hannover würde der Vorsprung auf den Bundesligaabsteiger und Aufstiegsfavoriten − und damit auch auf den am Ende einer Saison ziemlich wertlosen Tabellenrang vier − auf sieben Zähler anwachsen. Das wäre dann bei noch acht ausstehenden Spielen schon eine Menge Holz.

90-prozentige Fangquote

Seit der Winterpause rollt Unions Fußballteam wie auf Schienen in Richtung Bundesliga: Sieben Siege und ein Unentschieden brachten das Team im Eiltempo an die Tabellenspitze der Zweiten Liga. In Hannover, Braunschweig und Stuttgart spürte man nur einen Luftzug, so schnell waren die Hinrundenverhältnisse auf den Kopf gestellt worden. Das könnte durchaus ein Grund sein für manch einen Spieler, im Training etwas abzuheben, aber Keller dementiert: „Die Mannschaft ist nicht euphorisch, sie ist selbstbewusst und weiß, was sie bisher erreicht hat. Sie hat eine breite Brust, aber ich muss in keinster Weise irgendwas verändern in der Zusammenarbeit.“ Deshalb tritt er weder auf die Hochstimmungsbremse, noch drosselt er das Hochleistungstrainingstempo. „Die Mannschaft ist nach wie vor fokussiert. Wir haben viel und hart trainiert.“

Vor allem im physischen Bereich wurde in den vergangenen eineinhalb Wochen seit der Spitzenreiterwerdung gegen Nürnberg geübt, weil dazu in der nächsten Zeit die Möglichkeiten fehlen werden. Es geht Schlag auf Schlag weiter, am Mittwoch zu Hause gegen Aue, dann am Sonntag in Düsseldorf. Kräfteverschleiß soll da kein Hemmnis sein, Union ist präpariert. Auch für den Ausfall von Stephan Fürstner. „Das ist schmerzlich, aber wir haben in dieser Saison immer Qualität nachlegen können, das werden wir auch jetzt tun.“

Keller bleibt seiner Vollgaslogik auf ganzer Linie treu, im Unterschied zu den Filmhelden Joseph und Rusty hat er sein Handwerk ja auch gelernt. Also schön weiter heizen, dann bleibt der Zug schon in der Spur. „Ich fange nicht an, irgendwas zu verändern, was erfolgreich war“, sagt der Union-Coach. Was im Allgemeinen für den Umgang mit dem Kader und die Trainingsarbeit gilt, trifft im Speziellen auf die Torhüter zu: Daniel Mesenhöler wird auch in Hannover zwischen den Pfosten stehen, obwohl die eigentliche Stammkraft Jakob Busk nach überstandener Oberschenkelverletzung wieder zur Verfügung steht. „Mesi hat seine Sache sehr gut gemacht, wir waren stabil“, erklärt Keller. Und: „Jakob war vier Wochen weg. Er hat auch ein bisschen Rückstand.“

Die besseren Werte

Wirklich überrascht war wohl keiner der beiden Keeper von dieser Entscheidung. Denn zum einen ist Kellers Erfolgstreue inzwischen bekannt und zum anderen hat der 21-jährige Mesenhöler in seiner Aushilfszeit so gut wie alles richtig gemacht: zwei von drei Spielen zu null, alle drei gewonnen, exakt neun von zehn Schüssen gehalten, fünf abgefangene Flanken. All diese Werte sind etwas besser als die von Busk, der zwei Jahre älter und zwei Zentimeter größer ist (1,89 Meter). Der Däne hat 74,4 Prozent der Schüsse abgewehrt (23 Gegentreffer), in etwa jedem dritten Spiel blieb er ohne Gegentor, in 22 Spielen fischte er 25 Flanken aus der Luft.

Und Mesenhöler pariert gerne mal einen der ganz schwierig zu haltenden Schüsse. Zum Beispiel den von Jeremy Dudziak gegen St. Pauli oder bei seinem Zweitligadebüt die der Würzburger Sebastian Ernst und Emanuel Taffertshofer. „Mein Ziel muss es sein, mich so zu empfehlen, dass niemand Bauchschmerzen hat, wenn ich spiele“, sagte Mesenhöler nach den drei Vertretungseinsätzen. „Das habe ich geschafft.“ Danach nutzte er das freie Länderspielwochenende für einen Besuch in der Kölner Heimat. Atemholen, bevor die Reise mit dem Hochgeschwindigkeitsexpress weitergeht.

Joseph und Rusty erreichen ihr Ziel übrigens tatsächlich. Nur ist vom Zug am Ende fast nichts mehr übrig, sie mussten die Waggonaufbauten ins Feuer schmeißen. Ihr Fehler war nämlich, dass sie zwischendurch versuchten, den Zug anzuhalten. Sie haben gebremst. Diese Gefahr umgeht Union wie geschildert. „Go West“ heißt der Film, Unions nächster Halt im Wilden Westen hieße dann Bundesliga.