Damir Kreilach hat sich die Aussetzer gleich zwei Mal ansehen dürfen. Zunächst live am heimischen Fernseher und dann im Director’s Cut zusammen mit den Teamkollegen nach deren Rückkehr aus Darmstadt. Beim ersten Anblick war er sauer, weil er den Kollegen nicht helfen konnte. Er war ja gesperrt. Die darauffolgende Videoanalyse stimmte ihn jedoch hoffnungsvoll. „Wir müssen positive Dinge von diesem Spiel mitnehmen“, sagt der Kapitän. Was er erkannt haben will, behielt er allerdings für sich. Vielleicht weil letztlich nur ein einziges Ding positiv ist: Der 25-Jährige kehrt am Freitag gegen St. Pauli (18.30 Uhr) in die Startelf des 1. FC Union zurück. Sich hervorzuheben, widerspricht jedoch seinem Naturell.

Seit seiner Ankunft in Köpenick im Sommer vor zwei Jahren kam der defensive Mittelfeldmann lediglich drei Mal nicht zum Einsatz – jeweils aufgrund von Gelb-Sperren. In Darmstadt zeigte sich warum: Ohne ihn war die Defensive ein unkoordiniertes Durcheinander, und die Offensive ohne Zulieferer. Kreilach, der in dieser Saison nach Sebastian Polter die zweitmeisten Tore erzielt hat, fehlte von hinten bis vorne. Es ist daher möglich, dass allein aufgrund seiner Rückkehr alles besser wird.

Strafe muss dennoch sein. Das ist Gesetz. Sie wird nach groben Verfehlungen angewandt, um Täter und Nachahmer abzuschrecken. Also gab es bei Union vergangenes Wochenende eine Laufeinheit statt Regeneration und eine stundenlange Videoanalyse an einem Tag, der dem Freizeitvergnügen hätte dienen sollen. Ein Debakel wie in Darmstadt soll sich nicht wiederholen.

Ein paar Tage später möchte niemand in den Maßnahmen des Trainers eine Repressalie erkennen. „Wenn man so was als Strafe sieht, kommt man im Fußball nicht weiter“, sagt Polter. „Das braucht man, um sich weiterzuentwickeln.“ Was der Stürmer spricht, ist bei Union zwar noch nicht zum Gesetz geworden, dient aber als Leitbild für jüngere und ältere Kollegen. Schon mit 17 Jahren hat er in der U23 des VfL Wolfsburg gespielt und dort von Profis aus dem Bundesligateam gelernt, wie wichtig es ist, charakterlich schnell zu reifen. Zudem ist er Vater von zwei Kindern. „Das ist was anderes, als wenn ich nach jedem Sieg Halligalli machen würde“, sagt er. Wenn der 23-Jährige jetzt von der Videoanalyse erzählt, gewinnt der Zuhörer den Eindruck, es gebe nichts Schöneres, als die eigenen Fehler in Blockbusterlänge zu studieren. „Ich finde es gut, dass wir miteinander sprechen und den Mitspieler noch besser kennenlernen“, sagt er und klingt dabei wie Kreilach.

Union Berlin wieder in der Vor-Pauli-Phase

Das Duo wird nicht müde, das Miteinander zu beschwören. Als Mannschaft auftreten, egal wo und egal wann, ist ihr Mantra. „Alle Spieler müssen auf dem Platz so viel sprechen, als wären sie Kapitän“, sagt Polter. „Die Stimmung in der Kabine ist gut“, versichert Kreilach. Fehlt also nur, dass die vermeintliche Strafarbeit dieses Mal Wirkung zeigt. Noch einmal der Kroate: „Jeder Spieler will das Beste von sich geben.“

Norbert Düwel kann also aufatmen. Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung, und um genau die geht es bei Union seit Monaten. Damit die wirtschaftliche Bundesligareife eine sportliche Perspektive erhält, wurde Düwel als Coach verpflichtet. Nun gastiert vor ausverkaufter Kulisse ein Klub, der dank seines Tabellenplatzes (17) allen vor Augen führt, wie schnell die Entwicklung trotz Fan-Begeisterung nach unten weisen kann.

Aus Berliner Perspektive wurde das Hinspiel gegen St. Pauli am 9. Spieltag vom Union-Trainer wiederholt als Wendepunkt bezeichnet. Er teilt die Saison ein, in ein Vorher (acht Spiele, sieben Punkte) und Nachher, in dem der Lernfortschritt sichtbar wurde (acht Spiele, 14 Punkte). Und jetzt? Ist sein Team wieder in der Vor-Pauli-Phase. Zehn Punkte aus der Rückrunde sind nur eine kleine Verbesserung, die Unioner Abstiegssorgen sind nicht verblasst.

Das liegt zwar auch an den verletzungsbedingten Ausfällen. Aber es kommen Probleme hinzu, auf die Düwel bislang keine Antwort gefunden hat. Darunter die vielen Platzverweise, die Gegentreffer nach Standards, die Auswärtsschwäche und eine Defensive, die auch mit Kreilach nicht immer hält, was sich der Coach von ihr verspricht. Die Zuschauer dürfen sich daher auf das Duell der löchrigsten Abwehrreihen der Liga freuen. Zudem Düwel Wiedergutmachung zusichert: „Wir wollen ein paar Tore schießen!“ Ob das gelingt, liegt nicht zuletzt an Polter und Kreilach. Ein bisschen Halligalli ist erlaubt.