Kimba Sophie und Lenox verstanden zwar nicht, warum ihr Papa und all die anderen so gut drauf waren, aber ausgenutzt haben sie die Partystimmung natürlich. Die Kinder des aufgrund seines Achillessehnenrisses in Zivilkleidung erschienenen Stürmers Sebastian Polter durften nach Lust und Laune nach den Männern treten, die nach ihrem kleinen Feierabendbier aus der Kabine des 1. FC Union kamen.

Der Vater ermunterte Tochter und Sohn sogar und gab Zielhinweise. „Immer aufs Schienbein“, feuerte er die Fünfjährige und ihren eineinhalb Jahre jüngeren Bruder an, und als das Opfer Toni Leistner das Weite suchte, empfahl er Marvin Friedrichs Beine. Selten wurde im Bereich vor der Union-Kabine so ausgelassen getobt.

Freude entsteht ja aus dem Moment, und in den Minuten nach dem 3:1-Sieg gegen Bochum war es egal, dass die neun Monate zuvor alles andere als erheiternd gelaufen waren. Doch gerade die Vorgeschichte und das wochenlange Zittern machte den letzten Saisonauftritt an der alten Försterei so besonders. Klassenerhalt. „Es war bravourös, unter so einem Druck so eine Leistung abzurufen“, applaudierte Trainer André Hofschneider seiner Mannschaft.

Hofschneider will sich nicht zu seiner Zukunft äußern

Gleichzeitig wäre manch einer froh gewesen, wenn es diese Eruption nicht gegeben hätte, weil das Thema Abstieg gar nicht erst auf die To-do-Liste gesetzt worden wäre. Die Reaktion von Union-Präsident Dirk Zingler beim Schlusspfiff sah weniger nach großer Freude aus als nach abgefallener Anspannung. Der Jubel wurde zur Meditation. Es gibt viel aufzuarbeiten: was Fehler waren, wieso sie gemacht wurden und − am wichtigsten − wie sie behoben werden können. „Man muss kritisch analysieren, was dieses Jahr nicht so eingetroffen ist, wie wir uns das vorgestellt haben und woran es gelegen haben könnte“, sagte Steven Skrzybski. „Das ist nicht die Sache, die wir Spieler machen, sondern der ganze Verein.“

Hofschneider wollte sich nicht zu seiner Zukunft äußern. Der Moment sollte ganz den Spielern und ihrem Glücksgefühl gehören. Zweieinhalb Tage hat er ihnen freigegeben, erst ab Mittwochnachmittag wird auf das abschließende Spiel in Dresden hintrainiert. Der Cheftrainervertrag des 47-Jährigen gilt noch eine Saison, aber das vergangene halbe Jahr war keine Empfehlung in eigener Sache. Ein neuer Coach muss wohl ein neues Team aufbauen. Ein erneuter Verzicht auf Ablösemillionen wie vor einem Jahr, als der Aufstieg erreichbar schien, ist unwahrscheinlich. Zumal Bedarf an neuen Spielern herrscht.

Wer geht, wer bleibt und wer kommt − das will der Klub erst nach der Partie in Dresden verkünden. Der Abschied von Toni Leistner steht fest, auch die Kontrakte von Dennis Daube, Daniel Mesenhöler und Stephan Fürstner laufen aus, 13 weitere Spieler sind bis 2019 gebunden, davon sechs Stammkräfte. Wenn Union an ihnen verdienen möchte, muss der Klub verlängern oder verkaufen. Gleiches gilt für Eroll Zejnullahu (Sandhausen) und Christopher Lenz (Holstein Kiel). Sie sind bis Saisonende ausgeliehen und bis 2019 an Union gebunden.

„In so einer Phase muss man über gewisse Schmerzpunkte hinweggehen“

Von denen, die regelmäßig eingesetzt wurden, haben nur Grischa Prömel, Marcel Hartel, Simon Hedlund, Akaki Gogia sowie die beiden verletzten Jakob Busk und Polter einen Vertrag bis 2020 oder 2021. Auch Skrzybski. Bei dem hat Union aber keine Mitsprachemöglichkeit, da eine Ausstiegsklausel vereinbart ist. Interessenten, die bereit sind, die vertraglich fixierte Ablöse von angeblich 3,5 Millionen Euro an Union zu überweisen, gibt es. Vollzug könnte in der kommenden Woche vermeldet werden.

Bei der Abschlussfahrt nach Dresden und den folgenden Freundschaftsspielen bei Hanse Neubrandenburg (16. Mai), Tasmania (18. Mai) und Türkiyemspor (20. Mai) wird Skrzybski so oder so fehlen. Der Stich im linken Oberschenkel in der Schlussminute gegen Bochum hat sich als Muskelfaserriss herausgestellt. Er ist die Folge der Schmerzen, die sich von der Achillessehne ausgehend in seinen ganzen Körper ausgebreitet hatten. Seit Wochen biss Skrzybski auf die Zähne. „In so einer Phase muss man über gewisse Schmerzpunkte hinweggehen“, sagte er. Mit seinem 14. Saisontor hat er den Schlusspunkt hinter die Leidensgeschichte von Verein und Muskeln gesetzt. Sein verletzter Sturmpartner Polter war dann der erste, der ihm um den Hals fiel. Übrigens ohne das Tretkommando an seiner Seite.