Die Ausgangslage: Volles Haus, volle Motivation, volle Energie und ein richtig starker Gegner. In der Länderspielpause hat Sascha Lewandowski an der Stressresistenz seiner Mannschaft gearbeitet, und da Maximilian Thiel nach seiner Verletzung in die Startelf zurückkehrte, konnte der Trainer gegen den Tabellendritten FC St. Pauli die beste Offensivformation aufbieten. Vor allem aber hatte er dank der gut besetzten Auswechselbank endlich die Möglichkeit auf jeden erdenklichen Spielverlauf zu reagieren.

Das Ergebnis: Den guten Vorzeichen zum Trotz verlor Union um ein Haar zum vierten Mal seit dem Trainerwechsel. Dass Benjamin Kessel in der letzten Minute der Nachspielzeit noch zum 3:3 (2:1) ausgleichen konnte, war dem gegnerischen Keeper und einem besonders starren Mitspieler zu verdanken.

Die erste Hälfte: Von der Offensive war zu Beginn trotz Topbesetzung nicht viel zu sehen. Im Spielaufbau hatten die Unioner Mühe, Anspielstationen zu finden, obwohl die Laufwege genauso absolviert wurden, wie einstudiert. Spätestens am Strafraum fanden die Kombinationen ein schnelles Ende. Wichtiger als die Rückkehr von Thiel erwies sich zunächst, dass auch Innenverteidiger Toni Leistner nach Verletzung wieder mitspielen konnte. Die Abwehr stand stabil, bis Kollege Roberto Puncec patzte und eine Flanke zum Gegner verlängerte. Waldemar Sobota traf zum 0:1. Die Führung gab den Gästen Sicherheit, die Probleme im Ballvortrag von Union wurden noch größer. Dann stand es plötzlich 1:1 und Eroll Zejnullahu griff sich fassungslos an den Kopf. Der 20-Jährige hatte eigentlich flanken wollen, doch St.-Pauli-Keeper ließ den Ball ins Netz fallen (42.). Drei Minuten später kämpfte sich Michael Parensen über die linke Seite bis zur Grundlinie nach vorne, Thiel grätschte den Ball ins Tor. Jetzt waren die Hamburger fassungslos.

Die zweite Hälfte: In der Pause reagierte Lewandowski zum ersten Mal. Er brachte Stephan Fürstner, um mehr Präzision ins Aufbauspiel zu bringen. Auch sollte der defensive Mittelfeldspieler mit seiner Erfahrung und Zweikampfführung die Abwehrarbeit stabilisieren, damit die überraschende Führung nicht wieder leichtfertig verschenkt würde. Doch kam es wieder anders als gedacht. Wie schon in Braunschweig war nach einem Abpraller der Rückraum nicht besetzt, und Marc Hornschuh erzielte aus der Distanz den Ausgleich (54.). Die Hamburger bewiesen nun, warum sie auf Platz drei stehen, und bestimmten die Partie. Daniel Haas unterlief einen Eckball und schon stand es 2:3. Der Ball war vom Rücken von Jeremy Dudziak ins Tor getropft. Lewandowski reagierte erneut: Christopher Trimmel und Steven Skrzybski heizten den Angriff in der Schlussviertelstunde an. Die Erlösung kam in der allerletzten Sekunde vor dem Abpfiff. Skrzybski leitete ein, Wood und Kreilach irgendwie weiter, und Kessel stocherte den Ball hinter die Linie.

Glücksschuss des Tages: Schon oft hat Eroll Zejnullhau versucht den Ball ins Tor zu schießen. Meistens scheiterte dieser Versuch schon daran, dass er das Zielrechteck deutlich verfehlte. „Ich dachte schon, dass wird nie passieren, dass ich treffe“, sagte er nach dem Schlusspfiff. Doch in seinem 36. Pflichtspiel für Union durfte der 20-Jährige unerwartet seinen ersten Treffer bejubeln, gerade weil er mal das Tor anvisiert hatte. Seine Flanke segelte über Freund und Feind hinweg, und Pauli-Torwart Robin Himmelmann half wie schon in der vergangenen Saison beim Siegtor von Sebastian Polter kräftig mit. „Das passt irgendwie“, fand Zejnullahu. „Ich habe so lange drauf gewartet.“ Die Freude durfte er dann unter der Dusche auskosten, denn er blieb – weil Gelb-Rot-gefährdet nach der Pause in der Kabine. Für ihn kam Fürstner.

Der beste Verteidiger: Seine Laufleistung war erschreckend schlecht, sie lag exakt bei null. Das Stellungsspiel des zwölften Unioners war aber überragend: Der Pfosten rettete in der 47. Minute gegen den eingewechselte Sebastian Maier und in der 64. Minute gegen Christopher Buchtmann. Damit ermöglichte die Aluminiumstange die Schlussoffensive.

Der beste Angreifer: Wer sich hinten auf das Aluminium verlassen kann, darf sich in den Angriff schummeln, auch wenn er eigentlich Verteidiger ist. „Vielleicht sollte ich mal auf einer anderen Position spielen“, scherzte Kessel nach seinem späten Ausgleichstreffer. Es war bereits sein viertes Tor in dieser Saison. Damit schloss er zu Unions erfolgreichsten Schützen Bobby Wood und Damir Kreilach auf. Hoffnungen auf die Torjägerkrone macht er sich dennoch nicht. „Auf Strecke wird Bobby die meisten Tore machen, weil er auf der richtigen Position spielt“, sagte Kessel. Er selbst wird hinten noch gebraucht. Denn im konsequenten Verteidigen lagen die Schwächen von Union, und der Pfosten wird nicht immer zur Stelle sein.

Der Wildschütz des Spiels: Zwölf (!) Mal schoss Damir Kreilach auf das gegnerische Gehäuse. Zu Beginn waren die Versuche noch zögerlich und harmlos, zum Schuss hin dann brandgefährlich. Die Mitspieler steuerten weiter 14 Torversuche bei. Doch zeigte sich, dass Pauli-Keeper Himmelmann eher mit Flanken zu bezwingen war als mit tollen Schüssen. Die parierte er bravourös.

Das Fazit: „Wir hatten Glück, aber wir sind diejenigen, die zurückgeschlagen haben“, sagte Maximilian Thiel, „das ist das Wichtigste“. Und Kessel ergänzte: „Ich hoffe, dass der Punktgewinn in der letzten Sekunde Kräfte freisetzt.“

Berlin: Haas - Kessel, Leistner, Puncec (77. Trimmel), Parensen - Daube (77. Skrzybski), Zejnullahu (46. Fürstner) - Brandy, Kreilach, Thiel - Wood. - Trainer: Lewandowski

St. Pauli: Himmelmann - Hornschuh, Sobiech, Ziereis, Buballa - Rzatkowski, Buchtmann - Picault (46. Maier), Sobota (79. Kalla), Dudziak - Thy (86. Verhoek). - Trainer: Lienen

Tore: 0:1 Sobota (22.), 1:1 Zejnullahu (42.), 2:1 Thiel (45.), 2:2 Hornschuh (54.), 2:3 Dudziak (72.), 3:3 Kessel (90.+3) Zuschauer: 22.012 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover); Gelbe Karten: Zejnullahu (2), Kessel (4) - Ziereis (2)