Robert Andrich (2. v. r.) vom 1. FC Union Berlin bekommt die Gelbe Karte im Spiel gegen Schalke.
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BerlinEs gibt keinen, der sie nicht mag. Diese Genies am Ball, die Künstler, diejenigen, die den Unterschied ausmachen, weil sie mit Geistesblitzen und mit den sprichwörtlich tödlichen Pässen ein Spiel entscheiden. Es sind die Pelés und Maradonas, die Beckenbauers und Cruyffs, die Zidanes und Xavis, denen alles so schwebend leicht von den Füßen gegangen ist und im Falle von Ronaldo und Messi noch immer geht.

Zugleich gibt es diejenigen, die nie Welt- oder Europas Fußballer des Jahres werden und es nicht einmal bei der Wahl im eigenen Land in die engere Auswahl schaffen. Es sind die Malocher, die Fußball-Berserker, die sozusagen unter Tage die Drecksarbeit verrichten, die sich aufgeschürfte Knie holen und blutige Nasen und die selten den Gegenspieler schonen und noch seltener sich selbst. Es sind, nicht böse sein beim 1. FC Union und nicht böse sein in der Kabine, die Robert Andrichs der Bundesliga und aller Ligen weltweit.

Mag den Mittelfeldmann mancher verteufeln, weil er beim 1:1 gegen Schalke schon wieder eine Verwarnung kassierte, seine zehnte. Weil er damit erneut gesperrt ist und seiner Mannschaft erneut im Abstiegskampf fehlt. Auch ich habe im ersten Moment so gedacht und im Tonfall von Giovanni Trapattoni gemotzt: Was erlauben And-riiiich?

In gewissen Momenten darf man sich durchaus fragen: Warum geht einer wie Robert Andrich derart rustikal, hölzern, geradezu verwegen in einen Zweikampf? Andererseits reiben sich Trainer die Hände, wenn auch eher im Verborgenen, dass sie Typen wie ihn in ihrer Mannschaft haben. Denn sie sind wichtig, sie sind oft Stabilisatoren eines manchmal fragilen Gebildes.

Manchmal ist so einer für den einen ein Mistkerl, für den anderen dafür ein Goldjunge.

In meiner Kindheit gab es einen Kerl, einen Engländer, 168 Zentimeter klein, eine halbe Portion, kurzsichtig dazu und ohne Schneidezähne, weil er die in einem Spiel eingebüßt hatte, trotzdem ein Beißer und in seiner Art zu spielen unvergleichlich: Norbert Stiles. Als nach dem WM-Triumph der Three Lions 1966 alle von Spielmacher Bobby Charlton und vom Dreifach-Finaltorschützen Geoffrey Hurst schwärmten, feierten die wahren Freaks ihren Nobby, der sich schon mal so zeigte: in der einen Hand die Goldene Göttin, den damaligen WM-Pokal, in der anderen seinen Zahnersatz.

Dass Robert Andrich gerade in Köln fehlt, in einem Auswärtsspiel bei einem Gegner auf Augenhöhe, ist doppelt schade.

Andreas Baingo

Dieser Moment, als Englands Manager Alf Ramsey Stiles zum Staubsauger machte, ist die Geburtsstunde solcher Typen wie Robert Andrich. Oder von Arturo Vidal, dem Chilenen, den alle nur „Krieger“ nennen, auch von Gennaro Gattuso, mit Italien 2006 Weltmeister. Sie sollen niemandem sympathisch sein, am wenigsten ihren Gegenspielern. Das schon wieder ist ein Ritterschlag, denn ohne diese „ekligen“ Typen wäre Fußball fast nur Wiener Walzer. Der mag elegant sein, die Kurve erfreut sich aber genauso an einem Schuhplattler.

Trotzdem: Dass der Mittelfeld-Antreiber gerade in Köln fehlt, in einem Auswärtsspiel bei einem Gegner auf Augenhöhe, ist doppelt schade. Andererseits gibt es vielleicht eine (nicht ganz ernst gemeinte) Erklärung für Andrichs Gelb-Flut. Bis auf das „ch“ finden sich alle anderen Buchstaben seines Nachnamens in diesem Wort wieder: Adrenalin.

Klassenerhalt wäre, zugegeben, deutlich besser. Irgendwie sollte das in den dann drei letzten Spielen auch auf Robert Andrich passen.