Union Berlin nach dem 3:3 gegen Nürnberg: Unerwünschtes Spektakel

Sören Brandy stand alleine an der Außenlinie, auf dem Arm trug er seine Tochter. Er wirkte glücklich. In seinem Rücken, auf der anderen Seite des Platzes, schlichen die Teamkollegen mit hängenden Köpfen, allesamt extrem unglücklich. Es war wieder keine Ehrenrunde, sondern erinnerte an den Gang des Königs Heinrich IV. nach Canossa, von dessen Gefolge berichtet wird, dass sie „bald auf Händen und Füßen vorwärts krochen; manchmal auch, wenn ihr Fuß auf dem glatten Boden ausglitt, fielen sie hin und rutschten ein ganzes Stück hinunter“. Es ist beklemmend mitanzusehen, wie die Spieler des 1. FC Union Woche für Woche schuldbewusst an den Zuschauern vorbeischleichen und um Vergebung bitten. Beim 3:3 (1:1) gegen Nürnberg haben sie zum achten Mal in dieser Zweitligasaison eine Führung verspielt.

Der eingewechselte Brandy hätte das in den letzten zehn Minuten verhindern können, aber er vergab beide Möglichkeiten zum 4:3 und zog sich so den Hass manch Haupttribünensitzers zu. Wie blind der Angreifer doch sei, so schlecht, eine Frechheit! Solche und schlimmere Dinge kamen aus den Mündern derer, die schon auf den Stufen hin zum nächsten Bierausschank nach Luft rangen. „Nach dem 3:1 hat das Stadion gemerkt, dass wir das Spiel im Sack haben“, sagte Maximilian Thiel nach dem Bußgang durch die stille Arena. In Vertretung des gesperrten Benjamin Kessel hatte er die Mannschaft als Kapitän angeführt. „Es tut weh, nach einer Führung so in die Länderspielpause zu gehen.“

Lewandowskis Wechselfehler

Nachdem Bobby Wood (21.) mit seinem fünften und Steven Skrzybski mit seinem dritten Saisontor (54.) sowie Roberto Puncec (58.) mit seinem ersten Treffer überhaupt Union nach dem frühen Rückstand (5.) in Führung gebracht hatten, war der Ball schnell und präzise durch die Reihen gelaufen. „Nach dem Schock des frühem Gegentors haben wir uns gut in das Spiel reingearbeitet, und nach dem 1:1 viele Sachen als Team richtig stark gemacht“, fand Union-Trainer Sascha Lewandowski. „Jeder hatte Spielfreude und Ballsicherheit“, sagte Thiel. „Ich war mir fast sicher, dass wir das Ding gewonnen haben“, sprach Skrzybski aus, was nach einer Spielstunde alle dachten.

Dass es anders kam und Patrick Erras in der 75. Minute noch den Ausgleich für die Nürnberger erzielte, lag auch an einer Entscheidung Lewandowskis. „Spektakel haben wir genug gesehen“ , hatte er vor der Partie gesagt und das Team entsprechend defensiv aufgestellt. Wie in Heidenheim wurde aus einer 5-3-2-Grundordnung heraus verteidigt – bis der Trainer 20 Minuten vor dem Ende Wood und Skrzybski auswechselte und durch Brandy und Kenny Prince Redondo ersetzte. Union spielte jetzt quasi ein 5-5-0.

Die Außen stärken

Die Begründung des Trainers war schlüssig. Er wollte die Flügel stärken, da Nürnberg stark über die Außen aufkam und den Berliner Angreifern die Kräfte schwanden. „Wir haben in Heidenheim angefangen, unseren Stürmern eine noch laufintensivere Rolle zu geben, um Druck von unserer Kette fernzuhalten“, erklärte der Coach. Wood und Skrzybski mussten die gegnerischen Außenverteidiger abschirmen, das bedeutete: weite Wege in hohem Tempo. Schon in der Pause hätten ihm beide signalisiert, dass sie nicht 90 Minuten durchhalten würden.

Aber wieso brachte er den schnellen Stürmer Colin Quaner erst nach dem 3:3? „Hellsehen kann ich nicht“, gestand der 44-Jährige. „In Heidenheim hat er es schlecht gemacht, heute richtig gut.“ Und so ging der Schuss nach hinten los, die Unioner bekamen ohne Wood und Skrzybski keinen Zugriff mehr. Auf den Flügeln standen sie sich gegenseitig im Weg, und im Zentrum gaben sie die Halbräume preis. „Ich muss akzeptieren, dass bestimmte Dinge nicht konstant vorhanden sind wie bei einer Mannschaft, die in der Zweiten Liga weiter oben dabei sein kann“, sagte Lewandowski. Er habe versucht, seinen Spielern die Aufgabe zu erleichtern, aber: „In jeder Grundordnung der Welt muss ich irgendwann mal defensiv Zweikämpfe gewinnen.“

Buße vor den Fans

Als König Heinrich im 11. Jahrhundert beim Papst Buße tat, beschrieb das der Geschichtsschreiber Lampert von Hersfeld: „Hier stand er ohne alle Abzeichen der königlichen Würde, ohne die geringste Pracht zur Schau zu stellen, barfuß und nüchtern, vom Morgen bis zum Abend“. Ganz so lang mussten die Fußballer am Sonnabend vor ihren Fans nicht ausharren. Sie gingen duschen, zogen frische Gewänder über und fuhren nach Hause. Ihr Trainer hat ihnen freigegeben.

„Ich kann nicht schon wieder reinballern, weil wir noch fünf Spiele haben“, sagte er. In den vergangenen Länderspielpausen war die Übungsintensität hoch gewesen, nun möchte er „die Frische erhalten“. Am Montag um 17 Uhr müssen die Spieler wieder an der Alten Försterei aufkreuzen und sie dürfen das erhobenen Hauptes. Nüchtern betrachtet, hat das Spiel gegen Nürnberg ja Spaß gemacht.