Zwei Seelen in seiner Brust: Paderborns Trainer Steffen Baumgart ist zu Gast beim 1. FC Union.
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BerlinIm Falle von Fritz und Ottmar Walter war es leicht. Da wusste jeder in der Familie, wem er die Daumen zu drücken hatte. Beiden, sie spielten sowohl in Kaiserslautern zusammen als auch im Nationalteam, mit dem sie 1954 Weltmeister wurden. Gemeinsam Weltmeister, 1966 mit England, wurden auch die Brüder Bobby und Jacky Charlton. Nur im Verein war es schwieriger. Der jüngere Bobby spielte 20 Jahre bei Manchester United, Jacky noch ein Jahr länger bei Leeds United. Nahezu ein Kinderspiel war es dafür in Jena und in der DDR-Nationalelf mit den Duckes, weil Peter ohnehin am Trikotzipfel seines sieben Jahre älteren Bruders Roland hing.

Bei manchen Spielen wissen Mutter oder Vater aber nicht, wem sie den Sieg wünschen sollen, weil die Söhne im Verein und im Nationalteam verschiedene Farben vertreten. So wie es bei Jérôme Boateng für Deutschland, für seinen Halbbruder Kevin-Prince aber für Ghana war. 2014 spielten sie sogar bei der WM gegeneinander.

Ähnlich emotional zeigt sich die Situation, wenn an diesem Dienstagabend der 1. FC Union den SC Paderborn empfängt. Diese Partie hat was Familiäres. Steffen Baumgart ist zwar Trainer des Bundesliga-Schlusslichtes, eigentlich aber ist er durch und durch Unioner. Ausgerechnet jetzt muss der zweimalige „Unioner des Jahres“ beim Verein seines Herzens antreten und den womöglich bitteren Weg zurück in die 2. Bundesliga gehen.

Dass dabei die Eisernen einer ihrer Legenden den für diese Saison sportlich letzten Sargnagel verpassen könnten, ist an Pikanterie kaum zu überbieten.

Andreas Baingo

Wenn keine allzu große Überraschung passiert, werden Tränen fließen. Hier über den eingetüteten Klassenerhalt, dort über den Abstieg. Dass dabei die Eisernen einer ihrer Legenden den für diese Saison sportlich letzten Sargnagel verpassen könnten, ist an Pikanterie kaum zu überbieten. Diejenigen, für die Baumgart auch knapp zwei Jahrzehnte danach durchs Feuer zu gehen bereit ist, werden alles versuchen, ihm den winzigen letzten Hoffnungsfunken auszublasen, um sich selbst zu belohnen. Da ist, mancher mag es fies finden, für Emotionalität kein Platz. Eher für Schmerz.

Manchmal geht im Sport der Riss tatsächlich durch die Familie. Diesem Dilemma stellt sich der 1. FC Union in jedem Spiel in der Endphase dieser kuriosen Saison. Am Sonnabend bei der TSG Hoffenheim gibt es mit Florian gegen Benjamin Hübner ein astreines Bruderduell und zum Halali eine Woche später das Wiedersehen mit Steven Skrzybski; der 27-Jährige, von Schalke an Fortuna Düsseldorf ausgeliehen, trug 17 Jahre das Union-Trikot.

Hin und wieder wünschen sich Familienmitglieder durchaus die Pest an den Hals, zumindest ein bisschen. Wird es jedoch eng, halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Nur grenzt das für die Eisernen im Fall von Baumgart und Skrzybski an eine Quadratur des Kreises. Aller Voraussicht nach wird einer leiden und emotional vor die Hunde gehen, der andere wird im Kreis hüpfen und vor Ausgelassenheit nicht wissen, wen er zuerst herzen soll.

Einerseits feiert es sich in Familie am schönsten, andererseits ist auch Schmerz im Kreis seiner Lieben leichter zu ertragen. Weil Trost dann einen kurzen Weg hat. Das zumindest, wie auch immer es ausgeht, sollte man sich untereinander schuldig sein.