Union Berlin: Union will Relegationssiegerbesieger werden

Die Angst geht um beim 1. FC Union. Seit gut drei Wochen hängt am Eingang des Kabinen-trakts ein Gebot: „Dieser Bereich ist nur in einem gesundheitlich einwandfreien Zustand zu betreten.“ Weiter steht an der Tür: „Personen in anderen Zuständen haben sich telefonisch zu melden.“ Es ist die Angst davor, dass die Grippe den auf ein Minimalmaß geschrumpften Kader weiter reduziert. Schließlich hat Union-Coach Norbert Düwel für die verbleibenden Spiele ein Ziel vor Augen. Das Team soll positive Energie tanken, und das geht natürlich nur, wenn es aus mindestens elf fitten Fußballern besteht.

„Wir raten unseren Spielern davon ab, bei größeren Veranstaltungen aufzutauchen“, sagte Norbert Düwel vor der Partie gegen den SV Darmstadt (Freitag 18.30 Uhr). Folglich habe man sich vorsorglich doch für die Rückreise mit dem Mannschaftsbus entschieden. Ursprünglich war geplant gewesen, dass das Team in den Fan-Sonderzug nach Berlin steigt. Angesichts der grassierenden Krankheitswelle sei das aber fahrlässig, meinte der Trainer. Die Rezeptionisten in der Geschäftsstelle und der Pförtner an der Haupttribüne werden dies dankbar zur Kenntnis genommen haben. Denn wenn sich alle Zuginsassen „in anderen“ – also kränklichen – Zuständen telefonisch hätten melden müssen, ihr Arbeitstag hätte kein Ende genommen.

Düwels vollmundige Ansage nach der Winterpause „Der Kader ist groß genug!“ hat sich seitdem in ein „Wir haben aber mittlerweile eine sehr dünne Spielerdecke“ verwandelt. Während Darmstadts Trainer Dirk Schuster in der Vorwoche erstmals mit all seinen 20 Feldspielern auf dem Trainingsplatz üben konnte, musste sein Berliner Kollege in der Vorbereitung auf das Spiel in Hessen mit 15 Feldspielern aus dem regulären Profikader auskommen – die angeschlagenen Björn Kopplin (Oberschenkelprobleme) und Steven Skrzybski (schmerzendes Sprunggelenk) eingeschlossen.

Gegen Darmstadt fehlt zudem Kapitän Damir Kreilach, der in allen Ligaspielen zum Einsatz kam. Er ist nach seiner fünften Gelben Karte gesperrt. So kündigte Düwel mal wieder einen „Systemwechsel“ und eine „gut organisierte Aufstellung“ an, „um dem Druck“ im Stadion am Böllenfalltor standzuhalten.

Ein gutes Gefühl

Zehn Partien hat Union noch vor sich, in denen es darum geht, so viel wie möglich für die nächste Saison mitzunehmen – an spielerischer Sicherheit, taktischer Variabilität und Selbstvertrauen. „Die Jungs sollen sich auf die Aufgabe freuen“, sagte Düwel mit Blick auf den Freitagabend. Die Vorzeichen: Aufsteiger Darmstadt ist Tabellenzweiter und hat die beste Abwehr der Zweiten Liga, der 1. FC Union verlor die letzten drei Auswärtsspiele. „Da kann man sich ein gutes Gefühl holen, wenn man in so einem Spiel besteht“, ist der 47-Jährige überzeugt.

Wie man so ein Gefühl dann über Monate konserviert und sich von ihm in der ersten Zweitliga-saison nach 21 Jahren von unerwartetem Erfolg zu unerwartetem Erfolg tragen lässt, macht der Gegner vor. Die Relegation für die Zweite Liga im vergangenen Sommer gegen Bielefeld wurde nach verlorenem Hinspiel erst in der letzten Sekunde gewonnen. „Da finden Dinge zusammen, die man mit Geld nicht aufwiegen kann“, glaubt der Union-Trainer. Aus der „Selbsthilfegruppe“, wie Darmstadts Angreifer Marco Sailer die Ansammlung von Spielern einmal bezeichnet hat, die bei anderen Vereinen aussortiert wurden, hat sich eine vor Selbstvertrauen strotzende Truppe entwickelt.

Nun ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich Unions Kader in diesem Jahr per Aufstieg zusammenschweißt, aber Relegationssiegerbesieger zu sein, wäre vielleicht ein Anfang. Immerhin können sich bislang nur Braunschweig und Düsseldorf so nennen. Sie brachten Darmstadt die beiden bisherigen Saisonniederlagen bei. Dabei ist das Offensivkonzept der Hessen denkbar einfach: Schnell über die Außen, und im Zentrum wartet ein kopfballstarker Stürmer, der bei Standards Unterstützung von den groß gewachsenen Defensivspielern erhält. Gegen Union darf indes der beste Torschütze Dominik Stroh-Engel nach der fünften Gelben Karte nicht mitspielen. Prunkstück ist jedoch sowieso die Abwehr, die nur 17 Gegentore zuließ und in 13 von 24 Spielen keinen Treffer kassierte.

Daher ist Darmstadt seit 15 Spielen ungeschlagen und deshalb liegt Unions Priorität wie schon gegen Kaiserslautern auf dem Verhindern eines Gegentreffers. Damit wäre ein Punkt sicher. Und dann? „Ein Tor schießen, geht immer“, sagte Sebastian Polter. Der Stürmer hat mit dem Sammeln positiver Energie (neun Tore, vier Vorlagen) schon vor Monaten begonnen. Fraglich ist nur, ob er diese im nächsten Jahr für Union einbringt. Er ist einer von zehn Berlinern, deren Vertrag nach derzeitigem Stand im Sommer endet.