Den ersten Jubel empfing der Trainer schon eine halbe Stunde vor Anpfiff. Er lief rüber zur Gegengerade und stellte sich anlässlich seiner Heimspielpremiere den Fans vor. Klatschen. Zehn Minuten später folgte der nächste, noch länger anhaltende Willkommensapplaus, als die völlig überdrehte Stadionsoundanlage den Namen in den Himmel ballerte: „Sascha Lewandowski!“

Das Spiel war ernüchternd, denn Führungen zu verspielen, das war dem 1. FC Union auch unter Norbert Düwel gelungen. Trotzdem lieferte das 1:2 (1:0) gegen Greuther Fürth ein weiteres Indiz, dass der Trainerwechsel die richtige Entscheidung war. Im Grunde genommen sogar mehr als eines.

Nichts war von der spielerischen Überlegenheit des Gegners zu sehen, die Lewandowski prophezeit hatte. Bemerkenswert war nicht wie angekündigt die Ballbehandlung der Fürther, sondern der Vorwärtsdrang der Berliner Außenverteidiger. Michael Parensen wurde schon lange nicht mehr mit so vielen aggressiven Sprints in der gegnerischen Hälfte gesichtet. Und der Mann gegenüber auf der rechten Abwehrseite? Benjamin Kessel wurde seit seinem Wechsel aus Braunschweig nach Köpenick überhaupt nicht auf der Außenposition auffällig. „Ich war überrascht, dass er hier komplett als Innenverteidiger lief“, sagte Lewandowski.

„Eigentlich müssen wir 4:0 gewinnen“

Nicht weniger verblüfft war nach Auskunft des Trainers der Spieler selbst. Mit „entwaffnender Offenheit“ habe Kessel ihm gesagt, dass er Außenverteidiger sei. Was den Zuschauern aufgrund der Düwelschen Umkonditionierung in den ersten Heimspielen entgangen ist, demonstrierte er in der 17. Minute. Sören Brandy legte nach außen ab, wo Kessel herandüste und scharf nach innen flankte. Der überaus präsente Steven Skrzybski schob zur Führung ein.

Das 1:0 war der Höhepunkt einer eindrucksvollen ersten Hälfte, in der Bobby Wood, Damir Kreilach, Parensen und Brandy gute Möglichkeiten zum 2:0 vergaben. „Eigentlich müssen wir das Spiel 4:0 gewinnen“, grämte sich Kreilach. „Bei den Standardsituationen haben wir Glück gehabt. Da hat es lichterloh gebrannt“, sagte Gästetrainer Stefan Ruthenbeck.

Der Vorlagengeber hieß nicht nur bei den Standards Christopher Trimmel. Er ist auch einer derer, deren Position von Lewandowski zurechtgerückt worden war. Im rechten Mittelfeld fühlte er sich sichtlich wohl, wie auch der von dort in den Angriff aufgerückte Brandy. „Dass wir das Spiel über weite Strecken schon spielerisch dominieren konnten, ist ein bemerkenswerter Schritt“, lobte Lewandowski. Auch war sein Team nach Ballverlusten besser gestaffelt. Gerade in diesen Momenten der größten Anfälligkeit gelang es, den Ball in Überzahl wieder unter Kontrolle zu bringen.

Zeichen in Schwanenseemanier

Die hergestellte Ordnung und die besser auf das Können der Spieler abgestimmte Aufstellung sind zwei Dinge, deren sich Lewandowski bereits rühmen kann. Was noch fehlt, ist Stabilität. Nach dem Seitenwechsel reichte ein Foul von Kessel, um die Kontrolle zu verlieren. Jürgen Gjasula jagte den Freistoß flach zum Ausgleich ins Torwarteck (47.). „Wir haben mutlos gewirkt und den Faden verloren“, sagte Lewandowski. „Es kann nicht sein, dass wir so leicht aus dem Spiel zu sein sind.“

Da war sie zurück, die Erinnerung an die jüngste Zeit unter Düwel, als jede Führung verspielt wurde. Der Nachfolger, dessen übers Feld gebrüllte Anweisungen im Zuschauerlärm untergingen, hob und senkte die Arme in Schwanenseemanier, der Zeigefinger wackelte. Hierher, dahin, nach vorne. Der Mann an der Seitenlinie wollte eingreifen, die Einwechselspieler standen bereit. Da verschuldete Brandy innerhalb von 30 Sekunden erst einen Freistoß neben und dann einen Elfmeter im Strafraum. Gjasula traf zum 2:1 (70.). Der Schuldige, der eigentlich das Feld hätte räumen sollen – der vierte Offizielle hatte die Nummer bereits angezeigt – durfte bleiben. Denn nun war noch mehr Offensive gefordert, es ging in 3-5-2-Formation in die Schlussphase.

Ausgerechnet mit Düwels Lieblingssystem bekam Union noch mal den nötigen Mut. Kreilach traf erst die Lattenunterkante, dann lag der Ball nach einer Ecke im Tor. Der Schiedsrichter hatte allerdings ein Foul von Kreilach erkannt, bevor Kessel dessen Kopfball über die Linie drückte. „So eine Situation gibt es 100 Mal in einem Spiel“, sagte Kreilach. „Das ist ein bisschen seltsam.“ So blieben am Ende doch nur Kapitänsworte, wie sie auch unter Düwel gesprochen wurden: „Wir müssen das Selbstvertrauen aus der ersten Hälfte mitnehmen.“ Und die Lehren aus der zweiten.

Statistik:

Berlin: Haas - Kessel, Leistner, Puncec (73. Daube), Parensen - Zejnullahu, Kreilach - Trimmel (73. Quiring), Skrzybski - Brandy, Wood. - Trainer: Lewandowski

Fürth: Mielitz - Schröck, Caligiuri, Benedikt Röcker, Gießelmann - Andreas Hofmann (72. Sukalo), Gjasula - Stiepermann (88. Thesker), Zulj, Weilandt (84. Freis) - Berisha. - Trainer: Ruthenbeck

Schiedsrichter: Sven Jablonski (Bremen)

Tore: 1:0 Skrzybski (17.), 1:1 Gjasula (47.), 1:2 Gjasula (70., Foulelfmeter)

Zuschauer: 19.107

Beste Spieler: Parensen, Skrzybski - Mielitz, Gjasula

Gelbe Karten: Leistner (2), Parensen (2), Kessel (3), Brandy (6), Zejnullahu - Schröck (2), Gießelmann (2), Stiepermann, Gjasula (2).

Torschüsse: 19:10, Ecken: 10:6, Ballbesitz: 48:52 Prozent