Als kleiner Junge war Bobby Wood in einem Aufzug gefangen. Es ging nicht hoch, es ging nicht runter, der Fahrstuhl steckte fest. Seitdem hat er Angst, wenn er sich nicht bewegen kann, wenn es keinen Ausweg gibt. „Ich habe Angst, wenn jemand zu nah an mir dran ist“ , sagt er. Über die Jahre ist das Furchtgefühl kleiner geworden, Aufzüge meidet er aber noch. Trotzdem hat er gerade den Fahrstuhl benutzt. Nun sitzt er in einer der Logen im Stadion an der Alten Försterei, die Aussicht gefällt ihm.

Unten auf dem Rasen werden ihm die Verteidiger vom 1. FC Nürnberg am Sonnabend ab 13 Uhr auf den Füßen stehen. Er wird wieder keinen Platz haben, wie jedes Wochenende. Doch in diesem Fall beunruhigt ihn das nicht. Anders als im Aufzug bleibt ihm die Flucht nach vorne. Er kann wegrennen, sich Raum schaffen und all die Energie einsetzen, mit der er seine Mutter früher zur Verzweiflung trieb. „Die Zweite Liga funktioniert über die Härte“, sagt er. „Man kann nicht meckern und rumweinen, man muss körperbetont spielen.“ Das klingt hart, das klingt selbstbewusst. Also rein mit ihm in die Schublade: Hier trifft amerikanische Möchtegerngroßartigkeit auf Köpenicker Vorstadtrealität. Das passt zum Bild des arroganten Jungstars, der beim TSV 1860 München suspendiert wurde, weil er seinen Trainer aufgeordert haben soll, ihn doch am Allerwertesten zu lecken.

„Fußball hat mir nicht getaugt“

Doch es passt so gar nicht zum Bild, das der 22-jährige Stürmer hier oben in der Loge im persönlichen Gespräch abgibt. „Ich habe nicht die besten Erfahrungen gemacht mit Fans und Medien. Deswegen halte ich mich lieber zurück“, sagt er. „Mein Freundeskreis ist sehr eng. Wenn einer mich nicht mag, ist das nicht mein Problem.“ So ähnlich hat auch sein Teamkollege beim 1. FC Union Benjamin Köhler immer gesprochen. Es sind keine Worte, die ihm Sympathien einbringen. Eine gewisse Unnahbarkeit und Gleichgültigkeit wird schnell als Arroganz ausgelegt. Auf dem Maximalverknappungsdienst Twitter schrieb eine Nutzerin im Juni: „Können wir uns alle drauf verständigen, dass Bobby Wood nicht gut ist?“Und das war einer der freundlicheren Kommentare in diesem Sommer. Dann schoss Wood die USA gegen die Niederlande und Deutschland zum Sieg. Plötzlich war er der Held.

Was wirklich in ihm vorgeht, das bespricht er mit seiner Familie und den Freunden, die er als Kind in Kalifornien fand, und die ihm geblieben sind, obwohl er mit 14 Jahren nach München umzog – alleine. Wenig verwunderlich also, dass ihn Pressesprecher und Manager in den Fahrstuhl schickten. Von der Platzangst wusste niemand.

Wood neu denken

Von Minute zu Minute verstärkt sich der Eindruck, dass nichts von dem stimmt, was man glaubte über Wood zu wissen. Im Münchner Merkur stand einmal, dass Wood, damals 18 Jahre alt, die bayerische Landeshauptstadt so gerne möge, weil er überall mit dem Fahrrad hinfahren könne. „Ich hatte nie ein Fahrrad“, sagt er nun. Und die Suspendierung: Dem Coach habe er nur mitgeteilt, dass der seine Macht demonstrieren wolle, indem er den jüngsten Spieler – Wood – vor versammelter Mannschaft anbrülle, stellte er später klar. Wer die Verhältnisse bei den Münchnern kennt, weiß: Wood hat wohl gutes Gespür bewiesen, und war etwas vorlaut.

Wer ist also dieser Junge? „Meine Mutter wollte, dass ich irgendeinen Sport mache, damit ich ein bisschen ruhiger bin, wenn ich zu Hause bin“, erzählt er. Fußballspielen wollte er nicht, aber die unamerikanische Sport war nun mal die einzige Möglichkeit. Weil die eigene Mutter tagsüber arbeitete, war er auf die Fahrdienste einer befreundeten Familie angewiesen, der Sohn spielte Fußball. „Ich wollte nach zwei Wochen aufhören“, sagt Wood. „Das hat mir nicht so getaugt, ich habe nichts gecheckt. Ich wusste nicht, was Abseits ist.“

Hawaii - Kalifornien - Berlin

Damals lebte er mit seinen Eltern auf Hawaii, später zog die Familie nach Kalifornien, wo er einen ersten Förderer fand. Mit 13 Jahren spielte er auf Vermittlung seines Nachwuchstrainers in München vor. Ursprünglich sollte er eineinhalb Jahre bleiben, dann verlängerte er Jahr um Jahr und arbeitete sich bis in den Profikader. Auch US-Nationalcoach Jürgen Klinsmann freut sich, dass Wood damals auf Hawaii nicht aufgeben hat. Als der Angreifer in München suspendiert war, lud er ihn weiter zu den Länderspielen ein, redete ihm Mut zu und organisierte die Weiterbeschäftigung – zunächst in Aue, jetzt bei Union.

In Berlin fand Wood in Norbert Düwel und Sascha Lewandowski zwei weitere Förderer. Angst, sie zu enttäuschen, hat er nicht. „Das ist der Job eines Sportlers“, sagt er. Raum für Verbesserungen ist vorhanden. Vier Tore und eine Vorlage hat er bisher auf der Habenseite. Dem gegenüber stehen einige vergebene Großchancen. Die Szenen schaut er sich im Nachhinein immer an. „Wenn du mir noch einmal diese Chance gibst, mache ich den rein“, sagt er. Und: „Ich habe mir zu viel Druck gemacht. Ich muss wieder mehr Spaß haben.“