Den zweiten der beiden trainingsfreien Tage zu Wochenbeginn hat Toni Leistner genutzt, um sein Auto zurückzugeben. „Weil einige nicht zufrieden waren mit dem Kennzeichen“, sagt der Innenverteidiger des 1. FC Union. Leistners Leasingauto war ein Überbleibsel aus der Zeit bei Dynamo Dresden.

Der 24-Jährige lehnt sich nach der Massage gut gelaunt auf dem Stuhl zurück. Das Saisonende ist, im Gegensatz zum Vorjahr, als er sich mit Dresden vergeblich gegen den Abstieg wehrte, ein Vergnügen. Der Ligaverbleib der Berliner ist fast gesichert. Sie arbeiten an der Zukunft. Der Vertrag von Michael Parensen etwa wurde jetzt um ein Jahr verlängert. Dass in München am Sonntag (13.30 Uhr) beim TSV 1860 dessen bester Stürmer nach einer Knieverletzung zurück ist, erhöht Leistners Vorfreude. „Wenn Okotie wieder mitspielt, wird das ein reiner Ringkampf“, sagt er. Für ihn könnte es nichts Schöneres geben.

Gute Tage, schlechte Tage

Beim Gegner schöpfen sie gerade Hoffnung im Abstiegskampf: Gegen Union haben sie nie verloren, als Gastgeber gar alle fünf Spiele gewonnen. Zudem kehrt Rubin Okotie wohl in die Startelf zurück. Obwohl der Stürmer acht Partien verletzt verpasste, erzielte er mit 13 Treffern ein Drittel aller 1860-Tore – zwei davon beim 4:1 im Hinspiel. „Der spielt sehr eklig“, sagt Leistner. „Da freut man sich als Abwehrspieler drauf, wenn man ein bisschen dagegenhalten kann.“

An guten Tagen ist Leistner der Burgfried im Innersten der Union-Defensive, an dem die gegnerischen Angriffe anbranden, ohne Schaden anzurichten, wenn alle anderen Festungsmauern überwunden sind. Seine Zweikampfwerte sind die mit Abstand besten im Team (knapp 63 Prozent). Er mag es, seinen wuchtigen, 1,90 Meter großen Körper in Auseinandersetzungen zu werfen, ohne dass die Kontrahenten gleich umfallen und wie tödlich getroffen rumschreien, nur weil er ihnen „ein bisschen in den Rücken gesprungen“ ist. Das hat ihm am vergangenen Wochenende am Tabellenführer aus Ingolstadt nicht so gefallen.

An schlechten Tagen bringt Leistner das Verteidigungskonstrukt der Eisernen mit Unachtsamkeiten und falschen Entscheidungen zum Einsturz. Hinzu kamen zu Saisonbeginn viele „dumme Gelbe Karten“, wie er gesteht. Zwei Sperren hat er deswegen abgesessen. Zum Teil hatten Schiedsrichter eine andere Vorstellung von der erlaubten Härte, zum Teil ließ sich Leistner vom Frust mitreißen. „In Kaiserslautern sind wir nur dem Ball hinterhergerannt“, erinnert er sich. „Da hat man irgendwann die Faxen dicke.“

Im Lernprozess

In München, wo Abwehrkollege Roberto Puncec nach der fünften Gelben Karte gesperrt ist, sollen es die Gegner sein, die an der spielerischen Provokation verzweifeln und die Lust am Hinterherrennen verlieren. „Wenn wir so spielen wie gegen Ingolstadt und unseren individuellen Fehler weglassen, werden wir das gewinnen“, sagt Leistner. Dann wäre der Abstieg von Union auch rechnerisch nicht mehr möglich. Die Saison ist für den bescheidenen Fußballer ein Lernprozess. Nach Jahren als Dresdener Ergänzungsspieler steht er erstmals als Stammkraft in der Verantwortung. „Es ist eine Umgewöhnung, eine ganze Saison durchzuspielen“, sagt er. „Das merkt man in den Knochen.“

Die Massage der geschundenen Muskeln nach dem Training hat er sich erarbeitet. 26 Mal stand er in der Startelf, nie wurde er ausgewechselt. Er hat gelernt, sich nach Balleroberungen schneller nach vorn zu orientieren und zu erkennen, wann es besser ist, den Ball ruhig in eigenen Reihen zu halten. Die für das Umschaltspiel so wichtige Spieleröffnung muss noch besser werden. Doch ob Dreier- oder Viererkette, Leistner ist im Abwehrzentrum die erste Wahl des Trainers.

Noch ist er nicht zum Chef gereift. Das zeigt sich bei Standardsituationen, wenn die Defensive wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durch den Strafraum gackert. Es fehlt die ordnende Hand. „Wir müssen mehr miteinander reden“, sagt Leistner. „Einer muss das Kommando übernehmen.“ Vielleicht ist er für diese Aufgabe bei aller Härte auf dem Platz noch zu zurückhaltend. Leistner überzeugt durch stille Freundlichkeit. Nach dem Gespräch steigt er in sein neues Auto. Es ist wieder ein kleiner Mietwagen, Kennzeichen Landkreis Oder-Spree.